Peter Simonischek
Bild © picture-alliance/dpa

Der Hype um "Toni Erdmann" hat den renommierten Theaterschauspieler auch zum Filmstar gemacht. Heute kann er sich die besten Rollen aussuchen. Sein neuester Film "Der Dolmetscher" ist eine Art Roadmovie mit zwei älteren Männern, die das Kriegsschicksal ihrer Familien aufarbeiten. Der Film feierte jetzt als Berlinale Special Premiere.

Wenn Peter Simonischek die Chance hätte, den bislang schönsten Moment seiner Karriere ein zweites Mal zu erleben, dann wäre es die Premiere von Maren Ades Film "Toni Erdmann" in Cannes vor zwei Jahren. Er zögert keine Sekunde mit der Antwort: "In Cannes, nachdem Toni Erdmann gezeigt wurde, da waren wir alle überwältigt. Der Jubel, der da losbrach, da war ich geplättet."

Audiobeitrag

Podcast

zum Artikel Das Interview mit Peter Simonischek

Ende des Audiobeitrags

Seitdem bekommt der namhafte Wiener Burgschauspieler viele gute Drehbücher und Rollenangebote, aus denen er auswählen kann. Dabei gelte für ihn die Faustregel, je schneller er ein Drehbuch lese, umso besser sei es: "Es muss mich selber reinziehen, wenn ich lese."

Peter Simonischek mit Sandra Hüller in "Toni Erdmann"
Peter Simonischek mit Sandra Hüller in "Toni Erdmann" Bild © picture-alliance/dpa

So muss es ihm auch mit dem Buch zum Film "Der Dolmetscher" gegangen sein. In der slowakisch-tschechisch-österreichischen Koproduktion spielt Simonischek neben dem tschechischen Oscar-Regisseur und Schauspieler Jirí Menzel die Hauptrolle: Ali Ungár (Jirí Menzel) lebt in der Slowakei und hat jüdische Wurzeln. Seine Vorfahren haben die Gräuel der Nationalsozialisten erlebt, viele haben nicht überlebt. Georg Graubner (Peter Simonischek) ist Österreicher und der Sohn eines SS-Offiziers, der sich während des Zweiten Weltkriegs aktiv an der Ermordung von Juden beteiligt hat.

"Krieg ist das Allerschrecklichste"

Der eine ist also der Sohn eines Nazi-Täters, der andere der Sohn eines Opfers. Dennoch begeben sich beide im Film von Regisseur Martin Šulík gemeinsam auf eine Reise durch die Slowakei, um die Vergangenheit aufzuarbeiten und gehen aufeinander zu. In dem Film geht es auch um Schuld und um den Umgang damit. Peter Simonischek sagt: "In Österreich zum Beispiel hat man ja die Gelegenheit gerne wahr genommen, dass man eines der ersten Opfer der Nationalsozialismus war. Wahrscheinlich das Gros hat sich so verhalten wie Georg, den ich spiele, der einfach schaut, wie er über die Runden kommt und das Leben genießt und dann aber irgendwann mal zu denken anfängt."

Ein Thema, das Peter Simonischek umtreibt - ist er doch 1946 selbst als Nachkriegskind geboren. In seiner Familie wurde über den Krieg und die Zeit vor 1945 gesprochen, berichtet er: "Und mein Vater hat eine Sache immer wieder gesagt zu mir: Merk dir eines – Krieg ist das Aller-allerschrecklichste." Und das müsse man vielen jungen Menschen wieder in Erinnerung bringen, denn "es gibt so viele junge Leute, die keine Ahnung haben, was da passiert ist", meint Simonischek. Und er wirkt dabei sehr ernst und nachdenklich – ganz anders, als man ihn aus "Toni Erdmann" kennt, wo er mit falschen Zähnen, Perücke und Pupskissen auftrat und einen Rentner spielte, der durch solche schrägen Späße versuchte, die Nähe zu seiner Tochter wieder zu gewinnen.

Das berühmte Gebiss mit den schiefen Zähnen aus dem Film verwahrt er immer noch in einem Safe am Wiener Burgtheater auf. Wir bringen ihm zum Interview andere schräge Sachen in unserer Interview-Box mit: Mr. Spock-Ohren aus Latex, Hauspuschen mit Pinguin-Gesichtern und eine Kappe aus Leopardenplüschfell. Sein Humor sei schon anders, lacht Peter Simonischek, ist aber trotzdem begeistert von der Kappe, die er auch gleich vergnügt aufsetzt (siehe Foto) und vielleicht in seinem nächsten Theaterstück verwenden wird.

Peter Simonischek
Peter Simonischek (Mitte) mit Mariela Milkowa und Jan Tussing Bild © hr

Fall Wedel: "Ein System, das gedeckt wurde"

Und dann wird unser Gespräch mit Peter Simonischek am Ende wieder ernst, als wir ihn auf die #MeToo-Debatte ansprechen, die natürlich auch bei der diesjährigen Berlinale Thema war. Anfang des Jahres hat sich auch seine Frau Brigitte Karner zum Fall Dieter Wedel zu Wort gemeldet. Wedel soll, so hat es "Die Zeit" in zwei Artikeln berichtet, mehrere Frauen sexuell genötigt, bedrängt und vergewaltigt haben.

Die Schauspielerin stand im Wedel-Mehrteiler "Der große Bellheim" im Jahr 1992 als Tochter Bellheims vor der Kamera. In der "Süddeutschen Zeitung" erklärte sie, sie sei bei den Dreharbeiten von Wedel systematisch "fertiggemacht und vorgeführt" worden, weil sie "von Anfang an nicht auf seine Avancen eingestiegen" sei. Sie habe beispielsweise in einer Szene mit Mario Adorf einen Satz "immer und immer wieder" wiederholen müssen. Das sei auch bei ihnen zu Hause Thema gewesen, erzählt Peter Simonischek: "Er hat einfach versucht, sie weich zu kriegen".

Peter Simonischek
Peter Simonischek mit seiner Frau Brigitte Karner Bild © picture-alliance/dpa

Wedels Verhalten sei bekannt gewesen: "Meine Agentur schickt seit 20 Jahren keine Kollegin zum Wedel zum Drehen." Und dann wird Simonischek richtig wütend, wenn er darüber spricht, dass in der Causa Wedel vor kurzem sogar ärztliche Gutachten der Opfer und Schreiben von Anwälten beim SR gefunden wurden. "Natürlich macht mich das wütend, weil da ein System dahinter war, das gedeckt wurde." Der langjährige Bühnenschauspieler spricht von einem "feudalen" System, das er auch vom Theater her kennt. "Das Thema wird uns beschäftigen, solange es Theater und Kunst gibt. Aber die Möglichkeit des Missbrauchs von Macht liegt dann auch auf der Hand."

Jetzt im Programm