Philipp Riederle

Philipp Riederle erklärt Managern, wie die "Generation Internet" tickt und wie man sie als Kunden und Mitarbeiter gewinnt. Im Interview spricht er über Digital Natives, ihre enge Bindung zu Eltern und Heimat und die fehlende Angst, spießig zu sein.

Mit 13 Jahren startete er seinen Video-Podcast "Mein iPhone und ich" und wurde damit zum Internet-Star. Zwei Jahre später klopften die ersten Unternehmen bei ihm an: Sein Wissen über Technik, Digitalisierung und Digital Natives war gefragt. Heute ist Philipp Riederle 25 Jahre alt, studiert in Friedrichshafen Soziologie, Politik und Ökonomie, schreibt Bücher und ist einer der jüngsten deutschen Unternehmensberater.

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Wenn der 25-Jährige seine Generation erklärt, hat er den Anspruch, das möglichst repräsentativ zu tun. Er beobachtet gewisse Phänomene nicht nur an sich und in seinem Freundeskreis, sondern versucht sämtliche Jugendstudien und Literatur über die junge Generation zu lesen. "Unsere Generation gilt als so politisch wie schon lange keine Generation mehr", zitiert Riederle eine der Kernaussagen der jüngsten Shell-Jugendstudie.

Sehnsucht nach Konstanten

Aber wenn man sich mit ihm unterhält, erfährt man auch so überraschende Dinge wie zum Beispiel, dass 75 Prozent der Digital Natives sagen, sie wollen ihre eigenen Kinder so erziehen wie sie selber erzogen worden sind. "Uns sind persönliche Bindungen und Heimat so wichtig wie keiner anderen Generation seit Aufzeichnungsbeginn dieser Jugendstudien", sagt Riederle.

Weil die jungen Menschen schon immer die Möglichkeit gehabt hätten, mit allen Menschen in der ganzen Welt in Kontakt zu treten und auch überall hinzugehen, sehnten sie sich nach "gewissen Konstanten im Leben, zu denen wir immer wieder zurück kommen können." Die freundschaftliche Beziehung zu den Eltern sei eine solche Konstante.

"Wir scheinen nicht mehr aufzubegehren, wir scheinen nicht mehr so richtig zu rebellieren," sagt Riederle. "Wogegen sollen wir auch eigentlich rebellieren, außer vielleicht gegen den CO2-Ausstoß unserer Eltern?" Denn selbst bei den Fridays-for-Future-Demos bekämen die Jugendlichen Unterstützung von ihren Eltern, die das Engagement ihrer Kinder "ganz toll" finden und ihnen eine Entschuldigung für die Schule schreiben.

"Wenn wir uns mit unseren Eltern vergleichen", fasst Philipp Riederle zusammen: „Wir tragen dieselben Klamotten, wir hören dieselbe Musik und haben dieselben Frisuren wie unsere Eltern, wir trinken nachweislich weniger Alkohol, nehmen weniger Drogen und nur noch ein Bruchteil von uns raucht. Man könnte also zynisch sagen: Wir sind die Generation, vor der uns unsere Eltern immer gewarnt haben." Und die junge Generation hätte auch kein Problem damit zu sagen: “Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden", meint Philipp Riederle. 

Karrierestart mit 13

Seine Karriere als Erklärer der digitalen Generation fing damit an, dass er mit 13 Jahren seinen ersten Videopodcast  "Mein iPhone und ich" startete und im Netz schnell viele Fans fand. Er sei schon immer technikbegeistert gewesen, erzählt Riederle, und musste sein erstes iPhone, das er aus den USA bekommen hatte, erst einmal hacken, um es in Deutschland überhaupt nutzen zu können. 

Schnell wurden Unternehmen auf den Teenager aufmerksam. Im Alter von 15 Jahren wurde er bereits eingeladen, Manager zu beraten und ihnen zu erklären, wie die "Generation Internet" tickt. "Als ich angefangen habe, mit 15 solche Vorträge zu halten oder mit Unternehmen zu arbeiten, da war ich schon ein Außerirdischer", erzählt der heute 25-Jährige.

Inzwischen hätten die Unternehmen erkannt, dass man sich durch die Digitalisierung in einer tiefgreifenden Veränderung befindet und Strategien benötigt, um dabei mithalten zu können. Für die Wirtschaft sei es besonders interessant, wie man die junge Generation als Kunden und auch als Mitarbeiter gewinnen könne, sagt Riederle.

Was den Digital Natives wichtig ist

Denn der demografische Wandel und der Fachkräftemangel führe dazu, dass sich die Jungen heute ihren Arbeitsplatz aussuchen könnten. Für sie seien dabei Werte wie Sinnhaftigkeit, Selbstverwirklichung und ein adäquates Arbeitsumfeld wichtig. In seinem 2017 erschienenen Buch "Wie wir arbeiten und was wir fordern" hat Philipp Riederle die wichtigsten Thesen dazu aufgeschrieben.

Auch die Politik hat den Studenten als Berater entdeckt, seit August 2018 gehört er dem Beirat "Digitale Wirtschaft" des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen an. Philipp Riederle beschäftigt sich auch mit den Gefahren der Digitalisierung, dem Suchtpotential von Social Media und damit, wie Fake News, Hass und Hetze unsere Gesellschaft und die Kommunikation untereinander verändert.

Nicht auf Umgang mit Social Media vorbereitet

"Es ist so, dass wir als Generation nicht auf den Umgang mit Social Media vorbereitet werden", sagt Riederle. "Wir lernen an keiner Stelle sowas wie Medienkompetenz." Manche engagierten Schulen oder Lehrer führten zwar Projektwochen durch, aber Fächer wie Medienkunde oder IT seien nicht fest in den Lehrplänen verankert.

Man dürfe nicht vergessen: Vor zehn Jahren habe sich in Deutschland kaum ein Mensch für Smartphones und mobiles Internet interessiert, sagt Riederle. "Aber heute sagt schon ein Großteil meiner Gleichaltrigen, sie würden lieber ihr komplettes Liebesleben aufgeben, anstatt ihr Smartphone abzugeben." Jetzt müsse man in Sachen Medienkompetenz erst einmal nachziehen.

Weitere Informationen

Vorurteil & Wirklichkeit: Wie Digital Natives ticken

Nr.1: Digital Natives sind selbstsüchtig und narzisstisch
Philipp Riederle: "Stimmt zu gewissen Teilen, denn die Medien, mit denen wir groß geworden sind, befördern das natürlich, dass wir uns selber darstellen."
Nr. 2: Digital Natives sind verwöhnt und anspruchsvoll, was die Arbeit angeht
"
Wir sind tatsächlich sehr anspruchsvoll, das hängt auch mit unserer Arbeitsmarktsituation zusammen, dass wir uns in Zeiten des demografischen und des Fachkräfte-Mangels aussuchen können: Wo fangen wir an? Gleichzeitig verwöhnt stimmt zu gewissen Teilen auch. Wir werden ja gern auch als die Generation bezeichnet, die mit Helikopter-Eltern aufgewachsen ist oder die eine Generation an Wunschkindern ist."
Nr. 3:  Digital Natives sind faul und wollen lieber ihr Leben genießen statt zu arbeiten
"Da würde ich widersprechen, denn faul und Leben genießen und arbeiten, das sind nicht zwangsläufig Widersprüche. Wir versuchen als Generation, eine Arbeit zu finden, die uns so viel Spaß macht, dass das dem Genuss des Lebens nicht im Wege steht."
Nr. 4: Digital Natives sind immer online und süchtig nach Videos
"Wir verbringen schon einen sehr hohen Anteil unserer Zeit mit dem Bildschirm. Das kann man aber nicht pauschalisieren, denn das Smartphone oder der Rechner ist ja so vieles für uns: Es ist gleichzeitig die Zeitung, das Kommunikationsmedium, unser Arbeitsinstrument, es ist gleichzeitig da wo wir Filme gucken, wo wir spielen und das hat man früher mit verschiedenen Medien gemacht. Und das konzentriert sich jetzt vielleicht auf ein Gerät."

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Buchtipp:
Philipp Riederle
Wie wir arbeiten und was wir fordern
Droemer Verlag (2017)
16,99

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 5.3.2020, 19:35 Uhr

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