Pia Baumann und Rüdiger Kohl, Pfarrerin und Pfarrer in der Evangelischen Gemeinde Frankfurt Bockenheim

Die Corona-Krise hat auch die Arbeit von Pfarrerinnen und Pfarrern erschwert. Gerade in einer Zeit, wo Seelsorge wichtig ist, müssen sie findige Lösungen suchen, um für ihre Gemeinde dazusein.

Eine Kirche, die zu Ostern keine Gottesdienste feiern kann, Seelsorger die nicht zu den Menschen in die Pflegeheime dürfen, Trauerbegleitung am Telefon: Viel schwieriger kann die Situation für Pfarrerinnen und Pfarrer nicht sein, oder?

Pia Baumann sagt, "zu den positiven Erfahrungen in den letzten drei Wochen gehört, festzustellen dass mehr möglich ist, als ich in den ersten zwei Tagen gedacht habe." Nach einem Moment der "Schockstarre" haben Pia Baumann und Rüdiger Kohl, Pfarrerin und Pfarrer in der Evangelischen Gemeinde Frankfurt Bockenheim viel dafür getan, ihre Gemeinde lebendig zu halten.

Es geht weiter - per YouTube und Telefon

Gottesdienste feiern sie anstatt vor ihrer Gemeinde jetzt vor leeren Kirchenbänken und einer Kamera: YouTube-Andachten für zuhause. Ein bisschen abstrakt das Ganze. "Man muss sich dann eben vorstellen, zu wem man dann spricht" sagt Pfarrer Rüdiger Kohl. Die Gemeinde im Kopf und im Herzen, so funktioniert das dann doch ganz gut. "Andererseits habe ich mir schon drei Mal mehr überlegt als in einer normalen Predigt, wie sagst Du das, was sagst Du genau, denn das Netz vergisst auch keinen Online-Gottesdienst."

Es ist alles neu und auch der Umgang mit der Technik noch keine Routine, aber Pfarrerin und Pfarrer erschließen sich neue Wege. Sie beobachten, dass das in vielen Gemeinden gerade so ist - vielleicht ein positiver Effekt der Corona-Krise. Die bewirkt aber auch, dass traditionell analoge Kanäle wieder stärker genutzt werden. Das Gemeindeblättchen wird verteilt, daneben werden Briefe verschickt und die Pfarrer führen viele Telefongespräche. So erreichen sie zum Beispiel auch Menschen in den Pflegeheimen. Für die haben sie sogar alte Handys gesammelt und wieder in Betrieb genommen.

Erschwerter Abschied

Aber natürlich fehlt der direkte Kontakt, auch mal eine Hand zu halten in schweren Stunden. Zum Beispiel bei den Trauergesprächen, sagt Rüdiger Kohl: "Ich hatte an Gründonnerstag eine Beerdigung eines alten Menschen, der im Pflegeheim gestorben ist und das Trauergespräch mit dem Sohn fand dann am Telefon statt. Da war die Situation so, dass eben die Angehörigen zwei Wochen vor dem Tod des Vaters nicht mehr ins Pflegeheim reinkonnten, ihn nicht besuchen konnten. Der Sohn konnte dann wenigstens am Tag des Todes noch in das Heim hinein, aber das ist natürlich belastend für die Menschen, dass der Abschied nicht so gestaltet werden kann, wie unter normalen Umständen."

Die Trauerfeiern sind klein und bescheiden in diesen Tagen, oft können nicht alle kommen die gerne dabei wären. Das wissen die Pfarrer*Innen und sie versuchen das Beste daraus zu machen.

Wichtiger Blick über den Tellerrand

Was Pia Baumann auch beschäftigt, ist die Tatsache, dass im alltäglichen Stress mit den Auswirkungen der Pandemie hier andere wichtige Themen untergehen: "Was ist mit der Flüchtlings-Situation in Griechenland? Was ist mit den Kindern in den Flüchtlingslagern? Alles Dinge wo klar war, da muss jetzt was passieren, die sind jetzt auch ins Stocken geraten. Und ich glaube, da ist es eine unserer Aufgaben zu sagen, da müssen wir noch mehr hingucken, dass jetzt diese Corona-Geschichte hier vor Ort uns nicht den Blick verstellt auf das, was auch über den Tellerrand hinaus passiert."

Sicher keine leichte Aufgabe in einer verunsicherten, ausgebremsten Gesellschaft. Aber Pia Baumann lässt sich ihren Optimismus nicht nehmen. Ebenso wenig ihren Blick für die positiven Dinge: "Ich finde die Menschen lächeln mehr, wenn sie sich begegnen. Das sollten Sie beibehalten, das ist nicht so schwer!"

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 10.04.2020, 19.35 Uhr

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