Mikroaggressionen übersehen, Beschimpfungen ertragen und dabei nie aus der Rolle fallen: Das ist der Alltag einer Germanistik-Professorin und einer Deutsch-Lehrerin in den USA.

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Priscilla Layne
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Dass gerade der gewaltsame Tod von George Floyd so viele Menschen bewegt, wundert Priscilla Layne nicht. Das, was Floyd passiert sei, könne überall eine Wirkung haben: "weil es darum geht, was es heißt, wenn man in einem Staat lebt, wo man der Regierung oder der Polizei nicht vertrauen kann. Wenn man seine Freiheiten nicht einfach ausleben kann." Diese Art von Unterdrückung habe es in vielen Ländern gegeben und deshalb hätten viele Leute Mitleid.

Sie selbst lebt in einem kleinen Uni-Städtchen mit vielen Studenten. In North Chapel Hill in North Carolina gibt es keine Polizeigewalt, die Kolleginnen und Kollegen an der Uni sind nett - und trotzdem erfährt sie als Schwarze Person dort Diskriminierung.

"Es klingt vielleicht banal", sagt Priscilla Layne über eine Erfahrung von Alltagsrassismus-Erfahrung an ihrer Universität: Als die junge Germanistik-Professorin mit zwei ihrer Studenten einmal einen Besprechungsraum betrat, saß dort ein pensionierter Professor, der sie mit den Worten 'gehen sie nur durch' abfertigte. Das sei 'policing' gewesen: "Er wollte überprüfen, ob ich als junge Schwarze Frau überhaupt in diesem Raum sein darf."

Subtiler Alltagsrassismus in Deutschland

Wie geht Layne mit solchen Erlebnissen um? "Ich habe so viel Rassismus erfahren, ich rege mich nicht mehr so viel auf, ich erwarte das fast", sagt die 39-Jährige. An der Uni will sie Vorbild sein, sich immer professionell verhalten, keine Emotionen zeigen. Sie will nicht als 'angry black woman' dastehen, erklärt sie: "Wenn man eine Meinung hat und sie verteidigt und sich nicht einschüchtern läßt, dann heißt es gleich, du bist gefährlich."

Ihre Kollegin Daphne Warren, die im texanischen Plano Deutschkurse an der Highschool gibt und mit Priscilla Layne in einem amerikanischen Deutschlehrer-Verband organisiert ist, sagt: "Meine Familie, meine Freunde und Kollegen haben mir beigebracht, wie man sich verteidigen kann, ohne aggressiv zu werden. Ich sage einfach, wenn mir etwas nicht gefällt. Diese Haltung habe ich, wenn ich Rassismus erlebe."

Daphne ist in Deutschland geboren und mit 16 Jahren in die USA ausgewandert. Wenn sie zu Besuch in Deutschland ist, erlebt sie oft Mikroaggressionen, beispielsweise wenn die Kassiererin einer Bekleidungskette der gebürtigen Deutschen aufgrund ihrer Hautfarbe hartnäckig auf Englisch antwortet. "Ich fand das total respektlos." Den Alltagsrassismus in Deutschland erlebt Daphne Warren dennoch als subtil, zum Beispiel wenn weiße Personen nicht neben ihr sitzen wollen.

Als wäre sie nur wegen der Quote da

In den USA sei der Rassismus offensichtlicher. Weiße hätten dort keine Angst zu sagen, was sie wirklich denken. Gerade erst wurde Daphnes 13-jähriger Sohn beim Müllrausbringen von weißen Jugendlichen mit dem N-Wort beschimpft: "Es hat ihn total erschreckt. Es ist sehr beängstigend im Moment." Der Rassismus sei deutlich gewalttätiger: "Vor ein paar Tagen war ich Zeugin, als bei einer Demonstration in Memphis eine weiße Person mit dem Auto in eine Gruppen reingefahren ist." Nach ein paar Stunden war der Täter wieder auf freiem Fuß.

Es gibt nicht viele Persons of Color in den USA, die Deutsch unterrichten. Daphne Warren und Priscilla Layne sind Ausnahmen an Schule und Uni. Daphne Warren sagt, manchmal fühle es sich so an, als wäre sie nur wegen der Quote da, wo sie ist: "Ich werde öfter zu Meetings eingeladen. Und das ist sehr unangenehm, wenn ich im Voraus gefragt werde, ob ich an einem Panel teilnehmen will, und wenn ich dann ankomme, sitze ich nur als Gast dabei, weil andere Pläne gemacht wurden."

Priscilla Layne hat einige Stipendien für Students of Color erhalten. Es sei in Ordnung, wenn anerkannt werde, dass Afroamerikaner in der Geschichte zurückgehalten wurden und nicht die gleichen Chancen erhielten und man das wieder ausgleichen will, sagt sie: "Ich finde, dafür sollte sich keiner schämen. Es ist kein Problem, wenn die Universität sagt, wir wollen viele Schwarze Studenten immatrikulieren, weil unsere Uni von Sklaven gebaut wurde und wir wollen das wieder gut machen."

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Das Interview führte Jan Tussing.

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Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 24.6.2020, 19:35 Uhr

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