Robert Erkan

Seit dem rassistisch motivierten Anschlag in Hanau kümmert sich Robert Erkan um die Familien der Opfer. Der Zusammenhalt und die Anteilnahme seien überwältigend, sagt er. Doch die Hilfe dürfe nicht aufhören. Was die Angehörigen jetzt bräuchten, sei Transparenz und Aufklärung.

Wenn man Robert Erkan fragt, welche Momente ihn bei der zentralen Trauerfeier für die Opfer des Anschlags besonders bewegt haben, fallen ihm Bilder wie diese ein: Bundeskanzlerin Merkel, die sich zum Vater von Gökhan Gültekin, eines der Todesopfer von Hanau, niederbeugt und ihm in aller Stille zuhört. Oder die Begegnung von Vizekanzler Olaf Scholz und Kemal Kocak, dem Kioskbesitzer, der bei dem Anschlag enge Freunde verlor und bei der Trauerfeier bewegende Worte fand.

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Für die Familien der Opfer sei es wichtig gewesen, dass sie auch von höchster Stelle ein starkes Zeichen der Solidarität erfahren haben, sagt Erkan: "Sie haben zugehört und sie waren da und das ist ein so enormes Zeichen."

Robert Erkan, und die beiden Ärztinnen Silke Bär-Hoffmann und Maria Haas-Weber hören ebenfalls zu. Sie sind die Opferberatungsstelle in Hanau, die aktiv von den Mitgliedern des Ausländerbeirats der Stadt Hanau unterstützt wird. Erkan hat Leid und Trauer der Betroffenen des Anschlags vom 19. Februar geteilt und sie mit einem großen Team bei allem unterstützt - ob es um Behördengänge ging oder um die Organisation von Begräbnissen.

Angehörige brauchen Anteilnahme und Aufklärung

Dass ein Rassist in seiner Stadt neun Menschen mit ausländischen Wurzeln getötet hat, hat auch bei Robert Erkan, der selbst eine Migrationsgeschichte hat, großes Entsetzen ausgelöst. Das zeige, "dass in dem Menschen und in seiner Sozialisierung eine Menge schief gelaufen ist und wir das nicht mitbekommen haben und wir auch nicht achtsam sind."

Was die Angehörigen nun bräuchten, sei Anteilnahme und "das Gefühl gehört zu werden. Aber sie wünschen sich auch Transparenz und vor allem Aufklärung", sagt Robert Erkan. "Ich habe Berichterstattung gehört, wo manche glauben, der Täter lebt noch", sagt der Opferbeauftragte. "Es ist ein großer Wunsch, dass die Ermittlungsbehörden hier auch wirklich die Ergebnisse bringen." 

Viele haben Angst

Die Bedürfnisse der Familien seien sehr unterschiedlich, daher biete die Stadt auch viele unterschiedliche Hilfsangebote - von seelsorgerischer oder therapeutischer Arbeit über finanzielle Unterstützung bis hin zur Bewältigung ganz alltäglicher Sorgen, wie zum Beispiel: Kann ich meine Kinder zur Schule bringen? Viele der Betroffenen hätten Angst. Diese Angst käme in Wellen "wie kleine Tsunamis", berichtet Erkan und fügt hinzu: "Es braucht in dieser Zeit eine Form von Stabilität, damit man nicht abrutscht."

Was ihm aber immer wieder Mut mache, sei die "Herzlichkeit", die ihm in den Familien begegne. "Die sind nicht in Wut oder Zorn", sagt Robert Erkan, der auch im Ausländerbeirat und in der Stadtverordnetenversammlung von Hanau sitzt und dort freiberuflich als Kommunikationsberater und Mediator arbeitet.

Hilfe muss weitergehen

Der Anschlag habe die Stadt spürbar verändert, die Menschen seien enger zusammen gerückt. "Hanau steht zusammen - Die Opfer waren keine Fremden!" war auch eine zentrale Botschaft bei zentralen Trauerfeier in dieser Woche. "Und dieser Zusammenhalt und die Anteilnahme, die Kraft geschenkt haben, die sind überwältigend", so der Opferbeauftragte. 

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Doch man könne jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, die Hilfe für die Angehörigen der Opfer müsse weitergehen. In dieser Woche hat Ministerpräsident Volker Bouffier in der Staatskanzlei in Wiesbaden Vertreterinnen und Vertreter der Opferverbände aus Hanau empfangen, um darüber zu sprechen, welche Konsequenzen jetzt aus dem Anschlag gezogen werden müssen und welche ersten Schritte folgen sollen.

Bouffier hat eine schnelle und unbürokratische Hilfe zugesagt. Robert Erkan ist es wichtig, dass Leistungen für die Opfer gebündelt werden. Er wünscht sich, "dass es so eine Art Leistungs-Paten gibt, die dann für diese ganzen Fragen von Medizin, Psychotherapie, Entschädigung, Anträge für die ganze Zeit der feste Ansprechpartner sind."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 6.3.2020, 19:35 Uhr

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