Roland Kaiser

Auf der Bühne singt er von der Liebe, in Interviews spricht er gerne Klartext: Roland Kaiser sagt, was ihm nicht gefällt. Im Moment ist das der Umgang mit der Kultur, die bei der Problembewältigung immer ganz an letzter Stelle erwähnt werde.

Am 3. und 4. September trat Roland Kaiser als einer der ersten deutschen Künstler seit der Corona-Krise wieder vor Live-Publikum auf. Beim "Back-to-Live"-Konzert spielte er vor 5000 Fans auf der Berliner Waldbühne, wo normalerweise 22.000 Zuschauer reinpassen. "Als ich die Bühne betrat, haben die Fans unten ein Banner ausgerollt, da stand drauf: 'Wir haben euch vermisst'", erzählt Roland Kaiser. "Und uns auf der Bühne, also meinen Musikern und mir, ging’s genauso. Wir haben die Menschen genauso vermisst."

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Es war ein kurzer Lichtblick und ein Hoffnungssignal für die Branche, doch kurz darauf musste der Schlagerstar die Herbsttermine seiner "Alles oder Dich"-Tournee wegen der Pandemie auf das kommende Jahr verschieben. Auf Instagram schrieb Kaiser dennoch optimistisch: "Ich bin mehr als überzeugt, dass wir ab Frühjahr 2021 zu einer 'Normalität' zurückkehren können." Die Kultur sei grade in Krisenzeiten "von besonderer Bedeutung für die Menschen", findet er.

"Kultur immer ganz an letzter Stelle"

Allerdings sei im Moment "bei aller Problembewältigung immer Kultur ganz an der letzten Stelle erwähnt. Und da müssen wir uns zu Wort melden und sagen, da müssen wir Lösungen finden." Er selbst sei als Künstler in der glücklichen Lage, keine Existenzängste haben zu müssen, sagt Roland Kaiser, "aber ich spüre wiederum bei vielen Freunden von mir: Die haben Existenzangst, das geht mir nah."

Den politisch Verantwortlichen stellt der erfolgreiche Schlagersänger dennoch ein gutes Zeugnis aus, die Politik habe zu Beginn der Krise "sehr verantwortungsvoll reagiert". Danach habe man die Verantwortung ein Stück weit wieder den Menschen selbst übertragen und die Beschränkungen gelockert. Allerdings seien einige Teile der Bevölkerung wenig verantwortungsvoll damit umgegangen, meint er. Angesichts steigender Infektionszahlen bei weniger schweren Verläufen müssten die Politiker nun bei den neuen Corona-Beschränkungen möglichst viele Menschen mitnehmen und die neuen Regeln "transparenter machen und erklären", sagt Kaiser. "Das ist wichtig, sonst kann auch diese Form von Solidarität in der Gesellschaft irgendwann wegbrechen."

Unterhaltung auf der Bühne, Klartext in Interviews

Roland Kaiser steht seit mehr als 45 Jahren auf der Bühne und hat über 90 Millionen Tonträger verkauft. Der Schlagerstar hat viele junge Fans, denn Schlager ist grade auch bei den Jungen angesagt. Das liege an der "Hinwendung zur eigenen Sprache", wie Kaiser festgestellt hat, "die junge Generation mag ihre eigene Sprache in der Musik wieder." Nach dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg sei das lange anders gewesen.

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„Nicht nach unten treten, zwischen Recht und Unrecht unterscheiden, Rückgrat haben und Toleranz.“ Zitat von Roland Kaiser
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Der 68-Jährige ist nicht nur ein engagierter Künstler, sondern auch ein politischer Mensch, der als einer der wenigen aus der Schlagerbranche offen seine Meinung äußert. 2015 bezog er zum Beispiel in Dresden bei einer Großkundgebung gegen rechts deutlich Stellung gegen die fremdenfeindliche Pegida und rief zu Weltoffenheit, Toleranz und Dialog auf. "Ich bin ja von Beruf Unterhaltungskünstler, bin aber auch Bürger dieses Landes", sagt er, "und wenn sich Entwicklungen aufzeigen, die mir nicht gefallen, bin ich bereit, auch was dazu zu sagen und tue das auch gern."

Gerade zu Dresden, wo sich jedes Jahr bis zu 50.000 Fans bei seinen Kaisermania-Open-Air-Konzerten versammeln, habe er eine besondere Beziehung - und das Bedürfnis gehabt, sich zu äußern. Allerdings ist Roland Kaiser jemand, der klar trennt zwischen seiner Rolle als Bühnenkünstler und Privatmensch. Wenn er ein Konzert gibt, schließe er mit dem Publikum unausgesprochen einen Vertrag, sagt er: "Mein Publikum kommt zu mir, um sich unterhalten zu lassen und keine politischen Reden zu hören."

Dafür redet er in Interviews gern Klartext – zum Beispiel über seine Partei, die SPD. Mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr sagt er, die Partei brauche vor allen Dingen "Erneuerung und auch Erfrischung, indem sie wahrscheinlich den Weg in die Opposition gehen sollte."

Auf dem Schoß bei Willy Brandt

Der überzeugte Sozialdemokrat hat schon Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück im Wahlkampf unterstützt. Den aktuellen SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz kennt er seit 2002, als er an seinem Wohnort im westfälischen Münster in die Partei eintrat und Scholz als damaliger Generalsekretär ihn dabei "begleitet" habe. Roland Kaiser sagt über ihn: "Wenn er Kanzler kann, dann kann das nur der Wähler entscheiden, ob er darf."

Roland Kaiser ist schon früh mit der SPD in Berührung gekommen. Er wuchs im Berliner Arbeiterviertel Wedding bei einer Pflegemutter auf, nachdem ihn seine leibliche Mutter vor einem Waisenhaus abgelegt hatte. Die Pflegemutter arbeitete als Putzfrau in der SPD-Landeszentrale und habe ihn als kleinen Jungen mal mitgenommen, dabei soll er nach den Erzählungen der Mutter angeblich bei Willy Brandt auf dem Schoß gesessen haben. Wenn Kaiser über Brandt spricht, gerät er ins Schwärmen. Er habe nach Willy Brandt keinen Politiker erlebt, der junge Menschen so mitgenommen habe und der "den Menschen so sehr ins Herz schauen konnte wie er".

Über sich selbst als SPD-Mitglied sagt Kaiser, er sei zwar "niemand, der sich aktiv in die Parteipolitik einbringt", aber was die Menschen draußen bewege, das höre er aus vielen Gesprächen zum Beispiel mit seinen Fans oder auch beim Einkaufen. Trotz seiner Aufsteigerbiografie ist Roland Kaiser offenbar einer, der die Bodenhaftung nicht verloren hat. Wenn man ihn fragt, welche Werte ihn bis heute prägen, antwortet er: "Nicht nach unten treten, zwischen Recht und Unrecht unterscheiden, Rückgrat haben und Toleranz."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 25.9.2020, 19:35 Uhr

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