Ronya Othmann

Sie erzählt aus einer Welt, die es so nicht mehr gibt: Ronya Othmann verbrachte die Sommer ihrer Kindheit im Norden Syriens, der Heimat ihres jesidischen Vaters. Sein Volk ist seit 2014 Opfer eines Genozids durch den IS. Im Interview spricht die junge Autorin über extreme Erfahrungen, Fanatismus und schöne Langeweile.

Ihre eigene Geschichte ist eng verwoben mit dem Stoff ihres ersten Romans: Da ist das kleine syrische Dorf an der türkischen Grenze. Da ist das Mädchen, das dort zusammen mit ihren Eltern die Familie des Vaters besucht.

Deswegen kann Ronya Othmann Details beschreiben, die nur eine Augenzeugin wahrnimmt. Viele Abschnitte lesen sich wie eine gute Reportage, es entsteht Kino im Kopf. Bilder aus einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Denn Krieg und Terror haben die Menschen dort getötet oder vertrieben, auch weil sie Jesiden sind, ihre eigene Religion haben.

Gegenerzählung gegen die Homogenisierung

Die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates haben versucht, das in ihren Augen "ungläubige" Volk der Jesiden auszulöschen und ihre Kultur zu vernichten. Auch dagegen schreibt die 27 Jahre alte Schriftstellerin an: "Gerade weil jesidisches Leben ausgelöscht werden sollte und zum Teil ja auch ausgelöscht wurde: im Irak, in Syrien und in der Türkei schon länger, da gibt es ja auch kaum mehr Jesid*innen."

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Woran glauben Jesiden? Was zeichnet das Jesidentum aus? Informationen über die jesidische Gesellschaft und ihren Glauben sowie ihre aktuelle Situation vor dem Hintergrund einer langen Verfolgungsgeschichte finden Sie hier [bpb.de].

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Deswegen sei ihre Erzählung auch eine "Gegenerzählung gegen diese ganze Homogenisierung, die ja durch Nationalismus oder Fanatismus verbreitet wird. Es wird ja die Erzählung einer rein sunnitischen, rein arabischen oder rein türkischen Region geschaffen. Aber es hat ja auch jesidisches Leben gegeben oder armenisches."     

Selber ist Ronya Othmann in München geboren, und wer ihr genau zuhört, bemerkt manchmal einen bayerischen Einschlag, wenn sie erzählt. Inzwischen lebt sie in Leipzig, wo sie am Literaturinstitut ihr Studium abschließt. Ihre Identität beschreibt sie als "hybride": Da ist die Mutter aus dem Schwarzwald auf der einen Seite und der Vater, der 1980 als jesidischer Kurde nach Deutschland fliehen konnte, auf der anderen.

Extreme Erfahrungen

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Ronya Othmann
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"Gerade auch mit dieser Genozid-Erfahrung, das ist natürlich einschneidend", sagt Othmann. "Ich habe Verwandte, die aus Shingal (Sindschar) geflohen sind in letzter Minute vor dem IS. Das sind extreme Erfahrungen: Man weiß ja, dass man auch gemeint war mit diesem Genozid – nur man ist Sicherheit. Das macht natürlich viel mit einem. Auch dass mein Vater im Gefängnis gefoltert wurde, weil er Kurde ist. Natürlich bezeichne ich mich als Kurdin."

Wer ihren Debüt-Roman "Die Sommer" liest, leidet mit ihr, wenn die Protagonistin Leyla zusammen mit ihrem Vater vor dem Fernseher sitzt und hilflos dabei zuschauen muss, wie der Islamische Staat 7000 Jesiden in die Berge bei Sindschar im Nordirak treibt und einkesselt. Da ist die Trauer um die Toten, die Angst um die Verwandten, die auf der Flucht sind, die Freude, als sie es bis nach Italien geschafft haben.

Schöne Langeweile

Und da ist diese Liebeserklärung an das Dorf im Nordosten Syriens: wenn sie beschreibt, wie die Oma Brot backt, Tee bereitet oder sie alle zusammen auf Hochbetten im Garten schlafen, um der Hitze im Haus zu entkommen. Das sind Erinnerungen an die Sommer ihrer Kindheit, wo sie auch eine "schöne Langeweile" für sich entdeckte. Im Buch geht es der Protagonistin Leyla ganz ähnlich: "Die Tage gingen dahin wie die Hühner, die im Hof dahinstaksten, ruhig unaufgeregt, nichts geschah und Leyla wusste schon bald nicht mehr, welcher Wochentag war".       

Leyla im Roman und Ronya in Leipzig haben eine große Nähe zueinander, aber das Buch ist keine reine Nacherzählung ihrer Lebensgeschichte. Es bleibt Fiktion, auch wenn es sehr lebendig von Zeitgeschichte erzählt.  

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Buchtipp

"Die Sommer"
Von Ronya Othmann
Carl Hanser Verlag

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Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 14.10.2020, 19:35 Uhr

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