Portrait von Sarah Wiener

Der Fall Tönnies hat eine grundlegende Debatte über die Fleischproduktion in Deutschland ausgelöst. Sarah Wiener sprach von "sklavenähnlichen Zuständen" für die Mitarbeiter. Die Köchin setzt sich seit einem Jahr als Abgeordnete im Europaparlament für Nutztiere, Bauern und Verbraucher ein.

Sarah Wiener regt sich auf. Schon seit Jahren prangert sie die Massentierhaltung an, den hohen Fleischkonsum mit all seinen Folgen. Dass nun dank Tönnies so viel über die Bedingungen in Schlachthöfen gesprochen wird, das findet sie gut. Aber es brauche jetzt endlich einen radikalen Wandel, nicht nur der Mitarbeiter wegen.

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"Weil wir nach 20 Jahren entdeckt haben, dass wir ein soziales Problem haben und Menschen ausbeuten, können wir ja jetzt nicht sagen: Dann schauen wir mal, dass es denen ein bisserl besser geht und beuten weiter die Tiere und die Ressourcen aus", sagt die 57-jährige Österreicherin. Radikal soll der Wandel sein in der Landwirtschaftspolitik. Aber nicht ideologisch.

Nutztierhaltung ganz verbieten, das ginge Sarah Wiener zum Beispiel zu weit. "Ich sehe das nicht so, dass wir alle Tiere abschaffen müssen, und dann sind wir auf dem richtigen Weg. Ich denke da fehlt ein ganz großes Element für den Humusaufbau und die Bodenfruchtbarkeit, aber letztendlich auch für unsere Ernährung."

Weniger Industrie, mehr selbst machen

Sarah Wiener differenziert. Aber Sarah Wiener kann auch kämpfen. Mit Leidenschaft für Ihre Ziele. Auch im Europäischen Parlament. Seit einem Jahr hat sie ein Mandat als parteilose, österreichische Abgeordnete. Sie hat sich der Fraktion der Grünen angeschlossen. Und gibt zu, dass ihr der Quereinstieg nicht immer leicht fällt. "Ich kämpfe da wie ein Maulwurf, der sich durch einen kilometerlangen Tunnel gräbt. Manchmal blind, aber stetig. Und mit gutem Orientierungssinn, wo wir hinmüssen", sagt Wiener.

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Für die Verbraucher sei es doch am Ende eigentlich ganz einfach, erklärt sie: weniger, dafür besser klingt wie eine Binsenweisheit. Und sich beim Kochen weniger auf die Produkte der Industrie verlassen und selbst was anrühren. Gar nicht so schwer. Ein Kilo Erdebeeren und ein Kilo Quark verrühren, mit etwas Honig und Zitronenmelisse aufpeppen, das könne schließlich jeder. Und das sei allemal besser als die hoch verarbeiteten Joghurts der Industrie mit viel Zucker und Zusatzstoffen.

Zurück zu den Wurzeln

Zurück zu den Wurzeln, so klingt das bei Sarah Wiener. Irgendwie auch nach Vergangenheit. Schöne alte Welt. Dabei gibt es ja auch neue Technologien, um uns vom vielen Fleisch-Essen abzuhalten. Veganes Steak aus dem 3-Drucker zum Beispiel.

Wer Sarah Wieners Ausführungen bis hierhin zugehört hat, ahnt schon, wie ihre Bewertung ausfällt: "Da werde ich nicht sagen, 'die Wurst ist beschissen mit den ganzen Zusatzstoffen, geben sie die Wurst raus und wir essen nur noch die Zusatzstoffe'. Und dann auch noch aus dem 3-D-Drucker! Ein gepresster Brei, wo man den ganzen Mist versenken kann. Da kann ich nur sagen: guten Appetit!"

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Der kulinarische Sommer-Fragebogen an Sarah Wiener

Ihr Tipp für ein schnelles, vegetarisches Sommergericht?
"Etwas, das jeder gut machen kann: Da nimmt man einen Fenchel oder eine Kohlrabi und hobelt den ganz fein, besprenkelt ihn mit ein bisschen Orangensaft oder Zitronensaft und einem guten Olivenöl oder Walnussöl, nimmt glatte Petersilie, ein bisschen gerösteten braunen Sesam mit ein bisschen Salz zerstoßen, gibt das darüber, nimmt ein wenig Pfeffer – etwa einen tasmanischen Bergpfeffer, wenn man es etwas schärfer haben will -, und durch den Pfeffer und die leichte Säure und den normalen Glutamat-Booster wie das Sesam hat man dann ein herrliches Sommergericht."

Ihr Sommerdrink des Jahres?
"Mein Sommerdrink des Jahres ist eiskaltes Quellwasser. Ich habe jetzt gerade sehr viel Holundersirup gemacht und da noch ein bisschen frische Pfefferminze reingetunkt, vielleicht noch ein Spritzer Zitronensaft - das ist perfekt für mich."

Ein Reisetipp für eine Genussreise?
"Ein Reisetipp für eine Genussreise wäre vielleicht zu einem nachhaltigen ökologischen Bauernhof zu reisen, der eine Vielfalt hat - in Frankfurt zum Beispiel der Dottenfelder Hof - und schauen, was die dort alles machen und anbieten und sich durchfuttern."

Eine kulinarische Reiselektüre?
"Das ist kein Kochbuch, aber das ist wirklich sehr lesenwert und leicht zu lesen und wirklich auch spannend und macht die Kopmplexität unserer Ernährung, gerade von Rindern, klar. Das heißt "Die Kuh ist kein Klimakiller" von Anita Idel. Das kann ich sehr empfehlen."

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Sendung: hr-iNFO Das Interview, 10.7.2020, 19.35 Uhr

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