Will nicht mehr Pfarrer sein: Sascha Jung aus Flörsheim
Will nicht mehr Pfarrer sein: Sascha Jung aus Flörsheim Bild © hr

Wegen Zweifeln am Zölibat hat sich der katholische Pfarrer von Flörsheim vom Limburger Bischof Bätzing beurlauben lassen. Mit seinem Rückzug aus der Pfarrei will Jung auch ein Zeichen setzen.

Als Seelsorger geschätzt, als Pfarrer beliebt und als Fastnachts-Clown gefeiert: Der Name Sascha Jung hat in Flörsheim und Umgebung einen guten Klang. Und doch ist der 43-Jährige nicht mehr glücklich mit seinem Leben als Priester im Bistum Limburg. Er hat sich beurlauben lassen, seine Zweifel am Zölibat sind ein Grund dafür. Aber zu den Zweifeln des Geistlichen kommt auch die Verzweiflung über den Zustand seiner Kirche.

Das wird mir immer klarer, je länger ich dem schlanken 43-Jährigen zuhöre. Wir haben uns in seiner Dienstwohnung in Flörsheim verabredet und mir begegnet ein freundlicher Mann, der erst mal einen guten englischen Tee kocht. Es ist das letzte Interview, das Sascha Jung hier gibt. Er hat schon eine neue Wohnung in einer Stadt in der Nähe, seine Zeit als Pfarrer in Flörsheim ist vorbei.

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Endgültig? Er ist beurlaubt, nicht suspendiert. Sein Bischof gibt ihm Zeit, gründlich darüber nachzudenken, wo er hin will, wie sein Leben weitergehen kann. Er wird sich beraten lassen, ein ergebnisoffener Prozess soll das sein. Aber ich spüre den Riss, der zwischen dem Priester und seiner Kirche entstanden ist.

"Der Zölibat ist sinnentleert"

Da ist der Zölibat, die "lebenslange Ehelosigkeit um des Himmelreiches" willen, die für ihn inzwischen komplett unglaubwürdig geworden ist: "Sexueller Missbrauch, die Heimlichkeiten, die Priesterkinder - in den letzten Jahren ist viel aufgedeckt worden. Dieses zölibatäre Zeichen ist sinnentleert, weil sich ja keiner mehr daran hält", meint er.

Zitat
„Wir haben Priester und Bischöfe, die Nonnen vergewaltigen, kein Kondom dabei benutzen, weil das ja verboten ist, dann aber ein Kind nicht zulassen und Nonnen zur Abtreibung zwingen. Wie pervers ist das denn?“ Zitat von Sascha Jung
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Überhaupt sei die "ganze Sexualmoral, die die katholische Kirche vertritt, mittlerweile zum Haare raufen. Wir dürfen eigentlich in dieser Sache überhaupt nichts mehr sagen, weil wir jeglichen Kredit der Glaubwürdigkeit im Bereich der Sexualität völlig verspielt haben", sagt er. "Wir haben Priester und Bischöfe, die Nonnen vergewaltigen, kein Kondom dabei benutzen, weil das ja verboten ist, dann aber ein Kind nicht zulassen und Nonnen zur Abtreibung zwingen. Wie pervers ist das denn?"

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Der schlanke Mann, der Fasching liebt und so gerne lacht, hat beide Hände um die Teetasse geschlossen. In diesem Moment ist keine Freude in seinem Gesicht. "Der Missbrauch in seiner Tiefe und Schärfe ist etwas, was - jetzt werde ich vielleicht als Theologe etwas wankelmütig - eigentlich unverzeihlich ist", sagt er. "Wir glauben ja an das Sakrament der Versöhnung, dass Gott sagt: 'Das, was da geschehen ist, ich hebe es auf und ich verzeihe Dir.' Aber ich finde das, was passiert ist, das wird unser Gewissen, unsere Geschichte auf ewig prägen. So wie all die Gräueltaten, die im Mittelalter passiert sind."      

Missbrauch: "Kirche reagiert nicht mit nötiger Konsequenz"

Der Vergleich erschreckt mich: Hat das wirklich solche Dimensionen? Aber Sascha Jung empfindet den Missbrauch in der katholischen Kirche als historische Zäsur. Es geht ihm nicht um den Vergleich der Taten, sondern darum, die Dimensionen und die Folgen klarzumachen. Außerdem hat er nicht den Eindruck, dass seine Kirche mit der notwendigen Konsequenz reagiert.

Eine Neureglung des Zölibats im Kirchenrecht, etwa die Freiwilligkeit, wäre für ihn ein erster Schritt in Richtung der notwendigen Reformen. Allerdings glaubt er nicht, dass das schnell geht: "Ich glaube nicht, dass ich erleben werde, in meinen besten Lebensjahren, dass die zölibatäre Lebensform aufgehoben wird."

Und damit kommt der 43-jährige Mann zu dem, was ihm ganz persönlich fehlt, seitdem er 2008 zum Priester geweiht wurde. Eine Beziehung: "Dieser eine Mensch, der um einen weiß, der einen einfach mal in den Arm nehmen kann und wo man so ganz da sein kann." Sascha Jung macht sich auf, ein neues Zuhause zu finden. Als wir uns verabschieden, kann er schon wieder lachen. Ich habe das Gefühl: Da geht einer, der wenigstens mit sich selbst im Reinen ist.  

Sendung: hr-iNFO, 20.3.2019, 19:35 Uhr

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