Sascha Lobo

Vielen Menschen in Deutschland steht ein neuer Realitätsschock bevor, sagt Sascha Lobo: Denn Social Scoring, wie es in China schon praktiziert wird, werde auf einer anderen Ebene auch in Deutschland eingezogen.

Bürger werden in China mit Kameras überwacht, analysiert und in ein Social Credit-System eingruppiert. Europäer denken, dieses Social Scoring sei "gruselig", weil China ein autoritärer Staat sei, sagt Blogger Sascha Lobo. Dabei würden sie aber übersehen, "dass auf einer anderen Ebene, auch in Europa, auch in Deutschland ganz parallele Mechanismen eingezogen werden."

"Menschen blenden negative Aspekte aus"

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Social Scoring

Beim Social Scoring wird beispielsweise die Kreditwürdigkeit, das Strafregister und das soziale und politische Verhalten von Personen zur Ermittlung ihrer Reputation verwendet werden.

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Die Rechtfertigung für die digitale Durchleuchtung sei in beiden Ländern gleich, sagt Lobo. Die Menschen betonen die guten Seiten. 70 bis 80 Prozent aller Chinesen würden das Social Credit-Score-System positiv bewerten; auch 75 Prozent der Befragten in Berlin befürworteten in einer aktuellen Umfrage mehr Videoüberwachung in ihrer Stadt. "Sie blenden die negativen Aspekte für sich selbst komplett aus. Die wissen gar nicht, was Video-Überwachung heute alles vermag."

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Man könne nicht nur Gesichter erkennen, man könne eine Person etwa am Gang identifizieren. Über die Bewegung von Menschen könne man zudem herausfinden, ob sich eine gefährliche Situation ergeben könnte, so Lobo. In Totonto sei  genau das schon benutzt worden, um mögliche Straßenunruhen vorherzusagen: "Solche Systeme existieren, sie werden auch im Westen angewendet. Und die Richtung ist ganz ähnlich wie in China. Man versucht mit digitalen Methoden, Verhaltensweise zu analysieren und zieht dann daraus Konsequenzen. Und dass es sich für uns nicht so schlimm anfühlt, überlasse ich jedem Einzelnen."

"Einige Konzerne scannen soziale Medien ab"

Schon heute gibt es laut Lobo mehrere Dax-Konzerne, die soziale Medien danach abscannen, ob Bewerber eventuell dazu neigen, soziale Störer zu sein. Das sei gar nicht mehr so weit entfernt von einem Social Credit-System: "Ich glaube, wir dürfen jetzt nicht sagen, wir schalten alles ab, wir lassen nichts zu", meint er. Aber man müsse darüber diskutieren, "welche Entwicklungen wir kontrollieren können und welche dieser Entwicklungen uns als noch zu gefährlich erscheinen, als dass wir sie schon einsetzen können. Und wenn, wie können wir sie regulieren."

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"Schock kann auch heilsam sein"

Lobo beschreibt in seinem Bestseller "Realitätsschock" unterschiedliche Schock-Szenarien. Das Buch sei "in weiten Teilen deprimierend", zeige Probleme auf, ohne gleich Lösungsvorschläge parat zu haben. Ein Realitätsschock könne aber durchaus auch heilsam sein, sagt Lobo: Nämlich wenn erkannt wird, dass man auf dem falschen Weg ist und daran arbeitet, etwas zu ändern. Denn so viel sei sicher: "In der gesamten Menschheitsgeschichte, insbesondere in der Technologiegeschichte, gilt eine Konstante: Die schlechten Folgen kommen von ganz alleine und für die guten Folgen muss man lange und hart arbeiten."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 18.10.2019, 19:35 Uhr

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