Sebastian Koch
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"Werk ohne Autor" heißt der neue Kino-Film, der für Deutschland ins Rennen um den Oscar geht. Koch ist einer der Hauptdarsteller und spielt einen SS-Arzt, der an den Euthanasie-Verbrechen der Nazis beteiligt war. Die Erinnerungskultur an die NS-Zeit sei heute wichtiger denn je, sagt er.

Wenn Sebastian Koch an die Weltpremiere von "Werk ohne Autor" beim Filmfestival in Venedig zurückdenkt, kommt er ins Schwärmen: "Es war fantastisch, das Publikum war so dabei und zum Schluss ein Riesen-Applaus mit Standing Ovations, über zehn Minuten standen die da und haben diesen Film und uns umarmt." Das sei für ihn und das gesamte Film-Team "ein unvergessliches Erlebnis."  

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Der Film erzählt die Lebensgeschichte eines Künstlers vor dem Hintergrund von drei Jahrzehnten deutscher Geschichte. Der Regisseur hat sich dabei vom Leben des Malers Gerhard Richter inspirieren lassen. Er wurde 1932 in Dresden geboren und kam erst sehr spät dahinter, dass sein Schwiegervater, der Gynäkologe Heinrich Eufinger, mitverantwortlich für die Ermordung von Richters Tante war, die schizophren gewesen sein soll. Dieses dunkle Familiengeheimnis hat Richters Schaffen als Künstler sehr geprägt.

Eigentlich wollte er keine Nazi-Rollen mehr spielen

Im Film heißt der Künstler Kurt Barnert, gespielt von Tom Schilling, und der Nazi-Arzt Carl Seeband, gespielt von Sebastian Koch. "Werk ohne Autor" wurde zwar in Venedig nicht mit den Goldenen Löwen ausgezeichnet, aber er ist bereits als der deutsche Beitrag für die Oscar-Verleihung im kommenden Jahr ausgewählt worden. Für Koch, der ein Faible hat für dunkle, schwierige Rollen, hat der Film eine ganz besondere Bedeutung, ist er doch seit dem Dreh zu "Das Leben der anderen" eng befreundet mit Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck. Von ihm weiß man, dass er nur mit Schauspielern dreht, die er bewundert.

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"Wir kennen uns seit 15 Jahren", erzählt Koch, "und was ihn wirklich auszeichnet ist, dass er seine Schauspieler liebt und ihnen einen unglaublich großen Raum gibt. Das genieße ich sehr." Er sei schon sehr früh eingebunden gewesen in das neue Projekt und habe viel Zeit gehabt, in den Charakter einzutauchen. Carl Seeband ist ein Arzt, der Mittäter war beim sogenannten Euthanasie-Programm der Nazis, also bei der systematischen Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen.

Eigentlich wollte Koch keine Nazi-Rollen mehr spielen, doch für diesen Film hat er eine Ausnahme gemacht, weil die Texte der Figur brillant geschrieben seien "Dieser perfekte Deutsche voller Ideologie und Disziplin, das war wie eine Essenz von allem, was ich in der Richtung vorher gemacht habe. Das ist ein absolut durchstrukturierter Machtmensch, der irgendwann entschieden hat, dass er Täter wird, nicht Opfer", so Koch.

"Erinnerungskultur ist heute wichtiger denn je"

Dem Schauspieler ist die Erinnerungskultur an die NS-Vergangenheit wichtig, heute mehr denn je. "Denn es passieren Sachen grade, die sehr beängstigend und erschreckend sind", meint der 56-Jährige. Man müsse fast wieder zurückgehen in die Geschichte und fragen: „Wie fing das denn an in den Dreißigerjahren? Wo stehen wir heute und was für Parallelen finden wir?" Vor allem die Frage, was der Nationalsozialismus mit den Opfern und mit deren Kindern gemacht habe, werde uns immer begleiten, so Koch.

Wachsender Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus machen ihm Sorgen. Koch ist einer der deutschen Schauspieler, die auch international sehr gefragt sind, nachdem ihm der Oscar für "Das Leben der anderen" (2007) in Hollywood die Türen geöffnet hat. Weil er viel im Ausland dreht, schaut er auch immer mal wieder mit einem gewissen Abstand auf sein Heimatland und hat bemerkt, dass von außen sehr wachsam wahrgenommen werde, was in Deutschland gerade passiere.

"Chemnitz war natürlich ein großes Thema", sagt der Schauspieler, "und was ich toll fand, war dieses Konzert, was Campino kurz drauf organisiert hat, weil es sofort eine Reaktion war." Nicht große Pläne machen, sondern spontan reagieren, das hält Sebastian Koch in diesen Zeiten für absolut wichtig. "Man muss laut werden und dagegen halten“, sagt er, "weil offensichtlich diese andere Seite nicht mehr zuhört."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 3.10.2018

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