Simon Wallfisch mit hr-iNFO-Redakteur Stefan Bücheler
Simon Wallfisch (rechts) mit hr-iNFO-Redakteur Stefan Bücheler Bild © hr

Der Musiker und Cellist hat wegen des Brexits die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Keine leichte Entscheidung für den Enkel der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch. Im Interview spricht er darüber, warum er inzwischen aber froh darüber ist.

In der kleinen weißen Kiste, die jeder Gesprächspartner bei hr-iNFO "Das Interview" aufmachen darf, liegt ein Notenblatt mit der Europa-Hymne. Simon Wallfisch fängt sofort an zu singen, als er es herausnimmt.

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Schon mehr als 20 Mal hat er die Hymne im Londoner Regierungsviertel angestimmt - als musikalische Aktion gegen den Brexit. Protest will das der 36-Jährige nicht nennen. "Musik hat den fantastischen Zauber, dass sie nur positiv ankommen kann", sagt er. Was er mag: "Wenn wir diese Aktion machen, wenn wir Beethoven auf der Straße singen, lächeln uns die Leute auch unwillig an und winken."

"Musiker brauchen Reisefreiheit"

Menschen und ganz besonders Musiker brauchen Reisefreiheit, brauchen ein offenes Europa. Das ist das Statement, das der Sänger und Cellist mit seiner Musik in Westminster macht. Persönlich hat der Vater zweier Kinder noch weitere Konsequenzen gezogen: Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, um Europäer zu bleiben. "Ich bin als Europäer geboren und ich bewege mich beruflich als Musiker in Europa." Viele seiner Freunde nehmen den irischen, belgischen oder französischen Pass, für ihn sei die Tür zum deutschen offen wegen des Artikels 116. "Dadurch war das eine ganz pragmatische Entscheidung", sagt er.

Der Artikel 116 im deutschen Grundgesetzt gibt Opfern der NS-Diktatur und ihren Nachfahren das Recht, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Für Wallfisch ein pragmatischer Weg, Europäer zu bleiben - und doch kein einfacher Schritt. Der Musiker ist der Enkel der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch, er stammt aus einer Familie mit jüdischen Wurzeln, Verwandte wurden in den Konzentrationslagern ermordet.

Verrat an der Familie oder Sieg über Nazis?

Simon Wallfisch hat viel darüber nachgedacht, ob dieser Schritt ein Verrat an seiner Familie ist, angesichts dessen was seinen Großeltern passiert ist, oder ob es doch ein Sieg über die Nazis sein könnte. Heute denkt er: "Es ist doch ein Sieg." Denn wenn man sich gegen Deutschland entscheide, sei das ein Sieg für die Nazis. Nationalisten würden die Identität eines Landes kapern, meint Wallfisch. Man könne sagen, "ich liebe dieses Land, weil ich meine Nachbarn liebe, ich gute Schulen habe und schöne Berge. Aber so ein mythologisches Gefühl – das ist Schwachsinn. Stolz zu sein auf ein Land, nur weil man zufällig da geboren ist, ist verrückt."

Zitat
„Stolz zu sein auf ein Land, nur weil man zufällig da geboren ist, ist verrückt.“ Zitat von Simon Wallfisch
Zitat Ende

Wallfisch rechnet der deutschen Gesellschaft hoch an, dass sie ihre Geschichte aufgearbeitet hat und nicht versucht hat, das Grauen des Holocaust beiseite zu schieben. Der Musiker ist oft in Deutschland und natürlich beobachtet er das Erstarken der Rechten und die Versuche der Rechtspopulisten, die historische Schuld zu relativieren. Aber er sieht auch starke Kräfte, die dagegenhalten und die will er unterstützen: "Ich freu mich, dass ich als Deutscher mitwirken kann gegen das. Vielleicht ist das eine gute Sache, dass ich jetzt deutsch bin. Dann kann ich dazu stehen und sagen: Ich kämpfe mit Euch gegen den Rechtsnationalismus."

Sendung: hr-iNFO, 1.3.2019, 19:35 Uhr

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