Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder

Sina Trinkwalder beschäftigt Menschen, die auf dem normalen Arbeitsmarkt wenige Chancen haben. Sie nähen ökologisch nachhaltige Mode unter fairen Arbeitsbedingungen. Der Renner in Zeiten des Corona-Virus: Stoffmasken und ein spezieller Schal mit eingebautem Filter.

Die Idee zum urbandoo, dem Filterschal, ist vor einem Jahr auf den Markt gekommen: ein Schal gegen Feinstaub und Pollen. Sina Trinkwalders Ehemann hatte große Probleme mit Allergien und sie hörte, dass auch bei Kindern die Atemwegbeschwerden zunehmen: "Das war der Grund für mich zu sagen, Mensch, da muss man doch eine Möglichkeit haben, etwas zu tun."

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Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder
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Niemand konnte wissen, dass Corona dieser Idee jetzt eine völlig andere Richtung gibt, sagt Trinkwalder.  Die Atemmasken und Schals finden gerade reißenden Absatz. Ihre Mitarbeiterinnen produzieren 10 bis 15.000 Schals pro Woche, zum Teil in Nachtschichten. Das sei für sie und ihre Mitarbeiter "ein bisschen verrückt", weil ihr Sozialunternehmen von der herkömmlichen Wirtschaft gerne belächelt werde und Näherinnen kein großes Ansehen genießen: "Auf einmal wirst Du über Nacht systemrelevant".

"Ich will wertvoll für die Gesellschaft sein"

Schlagfertig ist Sina Trinkwalder - und mit zehn bis zwölf Tassen am Tag ein bekennender Kaffeejunkie. Eine Frau mit Energie für Zwei. 1978 in Augsburg geboren, ist sie mit 16 von zu Hause ausgezogen: "Da lernst du, dass du deine eigene Miete erwirtschaften musst." Das Studium hat sie geschmissen, mit 21 Jahren eine eigene Werbeagentur gegründet und richtig viel Geld verdient.

Vor zehn Jahren die Kehrtwende nach der Begegnung mit einem Obdachlosen am Wuppertaler Hauptbahnhof: "Das war der Tropfen in ein Glas, das ohnehin schon zum Bersten voll war, weil ich mich schon lange hinterfragt habe, ist es wirklich richtig, permanent den Konsum anzuheizen?" In jungen Jahren sei Geld schon "eine geile Sache, doch irgendwann habe ich für mich entschieden, ich will nicht erfolgreich sein, ich will wertvoll für die Gesellschaft sein."

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Buchtipp

Sina Trinkwalder, „Heimat muss man selber machen“
dtv Verlagsgesellschaft, 18,00 Euro

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Daraus entstand vor zehn Jahren das soziale Unternehmen Manomama. Textilproduktion in Augsburg? Viele in ihrem Umfeld hielten das in Zeiten der Globalisierung für eine dämliche Idee. Aber der Erfolg gibt Trinkwalder recht. Sie sieht Menschen als "Teil einer Wertschätzungskette",  zahlt faire Löhne, stellt Arbeitszeiten frei und ermöglicht es vor allem Frauen und Müttern mit schwierigen Biografien erwerbstätig zu sein: "Wenn wir mehr ausprobieren würden, wären wir überrascht, wie viel geht." Immer mehr Kunden sind bereit, für diese fairen Bedingungen auch mehr Geld auszugeben. Das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen: "Ich bin ja keine barmherzige Einrichtung. Gewinn ist für mich wichtig, wenn er ein menschlicher Gewinn ist. Wir müssen uns nur buchhalterisch tragen können."

Lernen für die nächste Krise

Wie wird bei Manomama jetzt während der Corona-Krise gearbeitet, wenn Kinderbetreuungseinrichtungen geschlossen sind und der Großteil des Unterrichts zu Hause stattfindet? Sina Trinkwalder erzählt von ihrem Manomama-Laden in Augsburg. Dort sind die Kinder zweier Mitarbeiterinnen in der Grundschule: "Wir lassen den Laden einfach zu und zwar so lange, bis die Kinder wieder in der Grundschule sind." Trinkwalder findet den Ärger von Familien nachvollziehbar, deren Betreuungsmodell durch die Corona-Einschränkungen zusammengebrochen ist. Hier müsse die Politik ganz vehement eingreifen. Entweder müsse wieder ein Regelbetrieb unter Hygienebedingungen stattfinden oder man müsse Eltern deutlich entlasten, zum Beispiel durch ein "Corona-Elterngeld". 

Und wie blickt sie als Unternehmerin auf das Corona-Krisenmanagement? Fahren wir gerade alles an die Wand? Sina Trinkwalder glaubt daran, dass die Corona-Krise auch eine Chance ist, sich für die nächste Krise – die Klimakrise – zu wappnen: "Wir haben jetzt wirklich einen harten Stopp gesetzt bekommen", jetzt müsse die Wirtschaft ökologisch umstrukturiert werden: "Wenn wir sagen, lasst uns das jetzt richtig gut machen, dann werden wieder Jobs entstehen, es wird wieder Wachstum kommen, nur anders. Besser, nachhaltiger." Hat sie keine Zukunftsangst? Nein, sagt sie bestimmt: "Ich glaube daran, dass wir die Kurve kriegen."

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 20.05.2020, 19.35 Uhr

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