Podcast

Zum Artikel Stephan Anpalagan - Journalist und setzt sich seit Jahren gegen Rassismus ein

Stephan Anpalagan

Der freie Journalist Stephan Anpalagan setzt sich seit vielen Jahren in unterschiedlichen Initiativen gegen Rassismus und Rechtsextremismus ein, denn er hält Rassismus für eine große Gefahr für die Demokratie und das friedliche Zusammenleben. Seine Eltern sind Tamilen. 1984, als Stephan ein paar Monate alt war, flüchteten sie vor dem Bürgerkrieg in Sri-Lanka nach Deutschland.

Seit dem gewaltsamen Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd nach einem Polizeieinsatz diskutieren die Menschen auch in Deutschland verstärkt über Rassismus und sie diskutieren anders über Rassimus, beobachtet Stephan Anpalagan. Weder die NSU-Morde, noch die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke noch die rassistischen Morde von Hanau hätten diesen Effekt gehabt: "Es musste erst eine globale Bewegung kommen, die nicht nur sagt, oh ja, das ist schlimmer rechter Terror, sondern plötzlich gab es einfach diesen Begriff: Rassismus ist das Problem."

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Stephan Anpalagan - Journalist und setzt sich seit Jahren gegen Rassismus ein

Stephan Anpalagan
Ende des Audiobeitrags

In den Jahren davor sei die Diskussion über Rassismus dadurch erschwert worden, dass viele in Deutschland buchstäblich davor zurückscheuten, den Begriff in den Mund zu nehmen – Anpalagan sagt, er beobachte seit Jahren, dass man in Deutschland nicht gerne über "Rassismus" spreche, "stattdessen wurde immer über ‚Fremdenfeindlichkeit‘ geschrieben. Die Opfer von Hanau, das ist dieses Jahr passiert, wurden als Opfer einer ‚fremdenfeindlichen Tat‘ beschrieben und da fragt man sich ja, wer ist denn hier fremd? Menschen, die hier geboren werden, die hier aufwachsen, die hier arbeiten – die sind ja nicht fremd!"

"Eigentlich Wahnsinn"

Die Gruppe der Betroffenen ist groß: Ein Viertel der Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund und ist damit potentiell von Rassismus betroffen. Das sei "eigentlich Wahnsinn. Wir würden das ja gar nicht zulassen in anderen Zusammenhängen, wenn 25 Prozent der Bevölkerung ein reelles Problem haben in diesem Land", findet Stephan Anpalagan. Zugelassen wird seiner Ansicht nach viel zu viel. Wie strukturellen Rassismus, der sich nicht an der rassistischen Haltung Einzelner festmacht, sondern sich zum Beispiel in den Abläufen von Bewerbungsverfahren in Organisationen zeigt, etwa dass "wenn sich Sören und Serkan bewerben mit gleichem Lebenslauf, teilweise mit gleichem Foto, mit denselben Informationen, nur eben mit unterschiedlichen Namen, dass der Sören häufiger zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird."

Dagegen setzt sich die gemeinnützige Unternehmensberatung "Demokratie in Arbeit" ein, deren Geschäftsführer Anpalagan ist, indem sie zum Beispiel Unternehmen dabei unterstützt, Bewerbungsverfahren zu anonymisieren. Das Ziel: Rassismus und Diskriminierung sollen keinen Platz finden, um sich in Unternehmen und Organisationen zu verankern.

Holschuld der Mehrheitsgesellschaft

Die Deutsche Gesellschaft sieht Anpalagan an einem Wendepunkt, sie müsse sich nun für den richtigen Weg entscheiden, fügt aber hinzu: "Aber die Leute sind so müde. Sie sind noch nicht einmal frustriert, sie sind einfach nur noch müde." Denn Black People of Colour und People of Colour (BPoC und PoC) – es gibt keinen deutschen Begriff für die Bezeichnung von Menschen, die die weiße Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß ansieht – hätten so oft vergeblich gehofft, dass sich etwas ändern würde und diese Hoffnungen seien ein ums andere Mal enttäuscht worden. Für Anpalagan ist das ein unhaltbarer Zustand, denn, so betont er: "Wenn wir uns nicht darauf einigen können, dass alle Menschen in Deutschland gleich sind an Wert und Würde und dass wir Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit erstreben, unabhängig von Hautfarbe, unabhängig von Herkunft und unabhängig von Religion, dann sind wir einfach keine Demokratie."

Dafür müsse aber vor allem die weiße Mehrheitsgesellschaft ihre Hausaufgaben machen, sich mit ihren eigenen Rassismen auseinandersetzen und sie verstehen. Das sei bis heute oft nicht der Fall, meint Stephan Anpalagan. Für ihn ist das eine Holschuld der Mehrheitsgesellschaft, denn es sei nicht die Aufgabe schwarzer Menschen oder anderer People of Colour, "irgendwen zu bemuttern und zu belehren. Wenn die Leute etwas erfahren wollten, sollten sie einfach ein Buch aufschlagen."

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 10.06.2020, 19:35 Uhr

Jetzt im Programm