Stephan Orth
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Drei Monate lang ist Couchsurfer Stephan Orth durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht China gereist und hat überraschende Eindrücke gesammelt. Ein Gespräch über den digitalen Wandel, der dort im Eiltempo voranschreitet, über die Datensammelwut der Chinesen und über Hund aus dem Wok.

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"Wir freuen uns total, meine Eltern haben extra den Hund für dich geschlachtet", hörte Stephan Orth bei einer seiner chinesischen Gastfamilien gleich zur Begrüßung. Die Geschichte mit dem Festessen geht ihm noch immer nach, denn wer die chinesische Mentalität ein wenig kenne, der wisse, dass man dazu gedrängt werde, dann auch besonders viel vom Festschmaus zu essen.

"Das ließ sich dann nicht vermeiden", erzählt Orth, denn der Hund war schon im Wok. Vor kurzem ist Teil drei seiner Couchsurfing-Trilogie herausgekommen: "Couchsurfing in China – durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht". Nach Russland und dem Iran ist er 2018 drei Monate lang als Couchsurfer durch China gereist. Dabei fand er über eine Internet-Plattform immer wieder neue Schlafgelegenheiten bei interessierten Gastgebern. Der Reiz des Couchsurfings liegt für ihn darin, sehr persönliche Einblicke in das Leben und den Alltag der Menschen zu bekommen.

Stephan Orth Überwachung
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Die digitale Zukunft

Während er in ländlichen Regionen ein traditionelles und altmodisches China kennenlernte, erlebte er in den großen Metropolen, wie heute schon die digitale Zukunft erprobt wird. In größeren Städten werde zum Beispiel gerade das sogenannte "Social-Credit-System" getestet, eine Art digitales Bewertungssystem, bei dem jeder einzelne so etwas wie Payback-Punkte für gutes Benehmen sammeln kann. In Shenzhen, einer Mega-Vorzeigestadt in Sachen digitale Entwicklung, zahle kein Mensch mehr mit Bargeld. "Man hat dort das Gefühl", sagt Orth, "dass wir in Europa ziemlich behäbig und ziemlich hinterher sind." Außerdem seien allein dort 16.000 Elektrobusse und 12.000 batteriebetriebenen Taxen im Einsatz. Dort werde auch die Überwachung per Videokameras getestet. "Da werden wirklich Fußgänger geblitzt an diesem Ort, der sich ganz nah an einem Rotlichtviertel befindet", erzählt der Reisebuch-Autor. "Meine Vermutung ist, dass man da so ein bisschen das Gefühl haben soll, da wird schon aufgepasst, wo die Leute hingehen und was sie in ihrer Freizeit tun."

Die dazu benötigte Gesichtserkennungssoftware sei schon ziemlich weit entwickelt in China, sagt Stephan Orth: "Alle Gesichtsdaten der Chinesen werden in einer Datenbank zentral gesammelt und mit den Pässen abgeglichen. Da entsteht täglich ein immer größerer Datenschatz."

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Buchtipp

„Couchsurfing in China – durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht“
von Stephan Orth
Piper Verlag
€ 16

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Er habe in Shenzhen zum Beispiel eine Ampel gesehen, da werde jeder, der die Straße bei rot überquere, fotografiert und das Gesicht der "Sünder" dort gleich auf einem Bildschirm gezeigt. "Das ist schon ganz schön beängstigend und gleichzeitig fortschrittlich", findet Orth. Allerdings hoffe er, dass der Fortschritt nicht in diese Richtung gehe. Die Chinesen gingen eher gelassen mit diesen neuen Technologien um. Denn dahinter stecke die Grundidee, dass durch eine flächendeckende Überwachung auch Verbrecher gefasst würden und Verbrechen in der Öffentlichkeit gar nicht möglich seien durch die vielen Überwachungskameras. "So verkauft es auch die Propaganda", erzählt der Reisebuch-Autor und frühere Spiegel Online-Redakteur. "Dadurch klappt es tatsächlich, dass die Leute doch einigermaßen sorglos sind und nicht in totaler Angst leben."

Was wir von den Chinesen lernen können

Was wir von den Chinesen lernen könnten, sei "den Fortschritt oder die Veränderung als etwas Natürliches wahrzunehmen," findet Orth. Das sei ein wesentlicher Mentalitätsunterschied zwischen Chinesen und Europäern, die mehr Angst vor Veränderung hätten. China sei uns technisch in vielem voraus, dort werde gerade erprobt, was uns in Zukunft auch betreffen könnte. "Der technologische Fortschritt passiert grade, und irgendwie muss man sich dazu verhalten, grade was zum Beispiel Big Data oder auch die Frage einer Überwachung angeht", findet Stephan Orth. "Das sind Themen, die man diskutieren kann und wo man eine Antwort finden muss, weil technisch eben doch sehr viel möglich ist."

Sendung: hr-iNFO, 12.3.2019, 19.30 Uhr

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