Frau mit braunen Haaren, Brille und blauem Oberteil lächelt in die Kamera

Sexhungrige Königinnen und Frauen, die in den Kampf ziehen: Was wie eine Fantasy-Geschichte klingt, ist der Alltag in Ameisenkolonien. Foitzik erforscht die kleinen Krabbler schon seit Jahren und hat einige Parallelen zum Menschen gefunden.

Es gibt ein Geräusch, das Susanne Foitzik in den Ohren wehtut: Es ist das Zischen von Insektenspray, zu dem viele Menschen greifen, sobald sie die Krabbler auf der Terrasse oder im Garten entdecken. "Da habe ich ganz schreckliche Erinnerungen dran", erzählt sie. Tagelang habe sie einmal nach einer sehr seltenen Ameise gesucht. Und als sie sie endlich gefunden habe, fing eine Mitarbeiterin an, sich mit Moskito-Spray einzusprühen. "Die Ameisen kringelten sich und verstarben. Wenn man drei Tage durch den Wald hechelt, um genau diese Ameisen zu finden, tut das sehr weh."

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Ameisen und Blatt im Gegenlicht.
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Susanne Foitzik ist Ameisenforscherin an der Uni Mainz – und das mit großer Leidenschaft. Seit über 20 Jahren erforscht sie das Leben und die Verhaltensweisen der winzigen Insekten. Und hat festgestellt: So unähnlich sind sich Ameisen und Menschen gar nicht. "Das Wichtigste ist eigentlich, dass eine Ameise nie alleine lebt. So wie wir Menschen sind sie auch soziale Wesen", erklärt die Forscherin. Innerhalb ihrer Gemeinschaft können sie ihre Arbeiten aufteilen und sich spezialisieren. "Damit können sie Sachen erreichen, die ein einzelnes Tier nicht schaffen kann. Das ist ein Erfolgsmodell, ganz offensichtlich."

Paarende Königin und hart arbeitende Schwestern

Früher habe man noch gedacht, dass die Königin eines Ameisenstaates die allumfassende Herrscherin sei. Tatsächlich sei die Königin aber nur "der Eierstock des Nestes", schildert Susanne Foitzik. Einmal im Leben fliegt die Königin aus, um sich zu paaren. Die Männchen versterben nach diesem Hochzeitsflug direkt. Ein unbefriedigendes Leben? "Naja, der Anteil ihres Lebens, den sie mit Sex verbringen, ist groß, es ist halt nur sehr kurz!"

Der Ameisenstaat besteht daher überwiegend aus hart arbeitenden Schwester-Ameisen. Jede hat dabei ihre eigenen Aufgaben: Je nach Alter kümmern sie sich entweder um die Eier, die Larven, die Versorgung der Königin oder gehen raus, um Nahrung zu suchen oder das Nest zu verteidigen. Je älter die Ameise, umso eher würde sie für die gefährliche Tätigkeiten draußen eingesetzt, erklärt die Ameisenforscherin. Dabei könnten die Tiere durchaus miteinander kommunizieren: über chemische Signale. "So können Ameisen andere Ameisen auffordern, zum Beispiel zu einer Nahrungsquelle mitzukommen."

Für die Forschung an Ameisen ist die Mainzer Wissenschaftlerin schon quer durch die Welt gereist: Sie war in den USA, Brasilien, Malaysia oder Peru. Stundenlang liegt sie dann zum Beispiel auf dem Boden des Amazonas-Regenwaldes und beobachtet das Sozialverhalten der kleinen Insekten. Manche Kolonien nimmt sie für Forschungszwecke mit nach Mainz - 2000 Ameisenkolonien leben derzeit in ihrem Labor.

Sklavenhaltende Ameisen

Ein besonderes Interesse hat sie dabei an sklavenhaltenden Ameisen entwickelt: Eine Ameisenart, der es gelingt, andere Ameisen für sich arbeiten zu lassen. "Sie klauen sich aus Nachbarnestern Arbeiterinnen, und wenn die erwachsen werden, akzeptieren sie die Sklavenhalter als ihre Familien und arbeiten für sie." Andere Ameisenarten halten sich Blattläuse wie wir Menschen Nutzvieh: Sie melken das Zuckerwasser aus den Läusen wie wir Kühe. Oder sie versorgen einen Pilz mit bestimmten Pflanzenblättern, damit dieser wiederum die Ameisenkolonie ernährt. Auch Ameisen betreiben somit Viehzucht und Landwirtschaft.

Als Evolutionsbiologin ist Susanne Foitzik insbesondere von einem Phänomen fasziniert: Wie ist es möglich, dass die Ameisen-Königin einer Kolonie bis zu 30 Jahre lebt, eine Arbeiterin aber nur wenige Wochen bis Jahre? "Das entsteht nicht durch die Gene, sondern dadurch, wie man in der Larvenzeit gefüttert wird", so Foitzik. Bei der Königin würden also bestimmte Gene angeschaltet, die zum Beispiel Stress abbauten, DNA reparierten oder verhinderten, dass krebsartigen Mutationen entstünden. "Die Frage ist: Welche Gene sind das? Denn wir haben wahrscheinlich ähnliche Gene. Und es wäre interessant zu wissen, wie derselbe Genotyp zehnmal so lange leben kann!"

Meister des Social Distancing

Und auch in Sachen Social Distancing haben uns Ameisen einiges voraus: Denn Abstand halten, um Krankheitserreger abzuwehren – das ist im Ameisenstaat längst gängige Praxis. "Wenn Kolonien infiziert werden, dann verändert sich das Netzwerk und die Interaktion im Nest", erklärt Foitzik. "Die Königin wird ganz stark unter Quarantäne gesetzt, die hat dann nur noch mit ganz wenigen Arbeiterinnen Kontakt. Die Tiere, die selber infiziert sind, verlassen das Nest. Sie gehen raus und bringen sich damit eigentlich um, um nur nicht die anderen anzustecken."

Kommt eine Ameise von außen in den Bau, wird sie von den anderen erst sorgfältig geputzt, um Pilze und Krankheitserreger zu entfernen. Denn ist erst einmal eine Ameise erkrankt, ist gleich die ganze Kolonie bedroht. Ähnlich wie in einer Großstadt müssen sie daher Abstand halten und sich um die Kranken kümmern. Die kleinen Tierchen sind uns Menschen also gar nicht mal so fremd, wie viele immer dachten.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 15.7.2020, 19.35 Uhr

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