Susanne Hennig-Wellsow

Sie geht am Morgen gegen Castor-Transporte auf die Straße und macht am Mittag Realpolitik in Thüringen: Susanne Hennig-Wellsow will zusammen mit Janine Wissler eine neue Kultur linker Politik etablieren. Die Kandidatin für den Bundesvorsitz spricht sich klar für eine Regierungsbeteiligung ihrer Partei aus - und gegen alte Machtkämpfe.

Die Linke steht vor einem Generationenwechsel. Bernd Riexinger und Katja Kipping werden den Parteivorsitz nach acht Jahren aufgeben. So sieht es die Parteisatzung der Linken vor. Beerben möchte sie Susanne Hennig-Wellsow. Sie ist Fraktions- und Parteichefin der Linken in Thüringen. Sie hat dem FDP-Mann Thomas Kemmerich nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten in Thüringen den Blumenstrauß vor die Füße geworfen. Zusammen mit Hessens Linken-Chefin Janine Wissler kandidiert sie für den Parteivorsitz.

Kein Zweifel, dass Linke regieren kann

Hennig-Wellsow ist eine Kämpferin, führt in Erfurt die größte Landtagsfraktion, stützt den einzigen Linken-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und will auch in Berlin mitregieren. Sie spricht sich im Interview mit hr-iNFO ganz klar für eine Regierungsbeteiligung der Linken aus: "Wir sind in einer Zeit, in der es um Richtungsentscheidungen geht. Wir wissen alle nicht, was nach der Ära Merkel kommt, aber Fakt ist, dass die Linke in sich selbst vertrauen muss und das kann, weil die Linke auch regieren kann." Das zeige die Partei in Thüringen. "Sie muss bereit und vorbereitet sein, das im Zweifel tun zu können."

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Hennig-Wellsow wünscht sich ein progressives Bündnis mit SPD und Grünen. Die Parteibasis selbst ist allerdings gespalten, wenn es ums Regieren geht. "Wir werden die Parteibasis natürlich per Mitgliederentscheid dazu befragen", beteuert Hennig-Wellsow. Sie will die Linke von einem solchen Bündnis überzeugen.

"Ich stehe nicht auf Streit und schlechte Laune"

Die Machtkämpfe zwischen Katja Kipping und Sahra Wagenknecht sollen mit ihr an der Parteispitze endgültig vorbei sein. "Wir werden die alten Zöpfe abschneiden", davon ist Susanne Hennig-Wellsow überzeugt, denn sie "stehe ehrlicherweise nicht auf Streit und schlechte Laune". Zusammen mit Janine Wissler will sie eine neue Kultur linker Politik etablieren.

Das bedeute Führung, Miteinander und Mut machen – den Thüringer Weg nennt das Hennig-Wellsow. "Am Morgen ist die Thüringer Linke noch auf der Straße, um die AfD zu blockieren, um gegen Castor-Transporte zu demonstrieren und sich in Bewegungen aktiv einzubringen. Am Mittag streiten wir über Gesetze, wie wir das, was wir am Morgen auf der Straße erkämpfen wollten, in Gesetze fließen lassen können und schreiben dann auch diese Gesetze, und am Abend gehen wir gemeinsam miteinander Bier trinken, tanzen und haben Spaß."

Aufbau eines neuen Sozialstaats

Das Ziel von Susanne Hennig-Wellsow ist es, die Linke auf einen sozialökologischen Kurs zu führen. Sie hält es nicht für richtig, in der Corona-Krise immer neue Hilfspakete zu schnüren, ohne zu sagen, wo es strategisch hingehen soll - sozialpolitisch, wirtschaftspolitisch, ökologisch. Hennig-Wellsow glaubt, dass die Corona-Pandemie länger andauern wird, deshalb müsse die Linke diese Debatte aufnehmen. Es brauche den Aufbau eines neuen Sozialstaats, damit die Menschen auch nächstes Jahr noch etwas zu essen auf dem Tisch haben. Hier sieht sie die Chance für ein Rot-Rot-Grünes Bündnis.

Auf ihre Mettbrötchen – ihr Lieblingsfrühstück - will sie in Berlin aber nicht verzichten, sie kann sich vorstellen, auch mit Robert Habeck das ein oder andere Hackbrötchen, wie sie es nennt, zu essen. Ob es jemals dazu kommt, dürfte zunächst vom Ergebnis der Bundestagswahl im kommenden Jahr abhängen - und ob SPD und Grüne dann wirklich für ein Rot-Rot-Grünes Bündnis bereit sind.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 21.10.2020, 19:35 Uhr

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