Thomas C. Ferber

Was derzeit an deutschen Schulen passiere, sei keine Digitalisierung, sagt Ferber. Was er unter dem Begriff versteht, setzt er an seiner Marburger Brennpunktschule schon länger um. Das hilft ihm auch jetzt in der Corona-Krise.

Könnte es sein, dass die Corona-Krise jetzt Bewegung bringt in die hessische Schullandschaft? Entwicklungen beschleunigt, die allzu lange allzu langsam voran gekommen sind - die Digitalisierung zum Beispiel? Schulleiter Thomas C. Ferber ist nicht optimistisch: "Was jetzt passiert, ist keine Digitalisierung", sagt er. Das sei das "Einscannen von Unterrichtsmaterial aus dem vergangenen Jahrtausend."

Digitalisierung bedeute Vernetzung, Kreativität und Flexibilität - alles Eigenschaften, die das Schulsystem in Deutschland derzeit nicht habe. Was jetzt gemacht wird, sagt Ferber, ist Folgendes: "Statt einem Bücherregal habe ich jetzt E-Books. Statt einer Wand mit Aktenordnern habe ich irgendwo einen Server, wo die Sachen stehen." Dass man tatsächlich "gemeinsam digitale Medien nutzt, um gemeinsam mit dem Kind und auch am Fach zu arbeiten, also tatsächlich selber das  beste, geilste YouTube Video zum Thema 'Senkrechter Wurf' dreht, Wettbewerbe mit Schülern macht, gemeinsam an Themen arbeitet -  da bin ich sehr skeptisch, dass die Chancen jetzt genutzt werden", sagt Ferber.

Auf eigene Faust ins digitale Zeitalter

"Die Welt um uns herum ist digital und in Deutschland wird noch mit Zirkel gearbeitet. Das ist schon alles sehr, sehr vergangenheitsorientiert", meint der Schulleuter. Ferber und seine Marburger Richtsberg-Gesamtschule sind auf eigene Faust in Richtung digitale Schule gestartet, schon lange vor Corona. Bereits Ende 2018 haben die ersten Schülerinnen und Schüler eigene Tablets erhalten, seitdem wird das Konzept in der Schule stetig weiter entwickelt.

Das Tablet ist letztendlich das, was in der alten, traditionellen Schule die Hängeregistratur ist. Das heißt, jedes Kind kann sich das Material raussuchen, das es gerade braucht. "Das Tablet oder digitale Medien überhaupt eignen sich hervorragend zur Individualisierung, zu Personalisierung von Unterricht. Das muss ich aber wollen", sagt Ferber. "Wenn ich so Unterricht mache, wie es an in vielen Schulen in Deutschland noch üblich ist - alle bearbeiten immer dasselbe, lesen den Text durch und beantworten die Fragen aus einem zehn Jahre alten Schulbuch - dann brauche ich kein Tablet. Das kann ich das auch analog machen."

Das Tablet als Universal-Werkzeug

Die Richtsbergschule fördert das selbständige Arbeiten der Kinder, der Lehrer ist ein Lernbegleiter. Die Tablets sind in dieser Schulform das Universal-Werkzeug, mit dem die Kinder lesen, schreiben und zusammenarbeiten können. Sie können aber auch filmen, Apps nutzen, in der Schule und zu Hause arbeiten. Davon profitieren die Schüler der Richtsbergschule gerade jetzt. Im Corona-Lockdown ist der Kontakt nie abgerissen, auch von zu Hause aus ist ein interaktives Zusammenarbeiten möglich, Rückfragen an die Lehrer sind einfach.

Dass Schulleiter Ferber so ein Konzept ausgerechnet in einer Schule umsetzt, in der viele Kinder aus einem schwierigen sozialen Umfeld kommen, ist bemerkenswert. Schließlich müssen die Familien die Tablets selber kaufen. Die Schule hat mit einem Händler eine Null-Prozent-Finanzierung vereinbart. Den Familien, denen auch eine  Rate von zehn Euro im Monat noch zu viel ist, hilft ein Förderverein.

Alle Kinder mitnehmen

Für Thomas C. Ferber ist es wichtig, alle Kinder mitzunehmen - auch die, die zu Hause kaum unterstützt werden. Denn die Corona-Krise verschärfe die Chancen-Ungleichheit im deutschen Bildungssystem: zwischen denen, die zu Hause unterstützt werden und denen, die dort keine Hilfe bekommen. "Die soziale Schere ist eh schon riesig und wird noch größer werden", sagt Ferber. "Je länger diese Beschulung dauert, desto nachhaltiger werden auch die gesellschaftlichen Schäden, die angerichtet werden."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 21.5.2020

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