Uwe Becker, Antisemitismus-Beauftragter des Landes Hessen

Was haben der Rapper Kollegah und die AfD mit Antisemitismus zu tun? Für Uwe Becker, den Antisemitismus-Beauftragten des Landes Hessen, sind sie Wegbereiter für erstarkende Vorurteile. Im Interview mit hr-iNFO erklärt er, was man dagegen unternehmen kann.

Im Mai dieses Jahres ist Uwe Becker zum "Beauftragten der Landesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus" ernannt worden. Eigentlich ist der 50-jährige CDU-Politiker als Kämmerer der Stadt Frankfurt beruflich schon gefordert. Aber er habe nicht lange überlegt, diese ehrenamtliche Funktion zusätzlich zu übernehmen.  Frankfurt als Stadt mit starken Bezügen zu jüdischem Leben, auch seine Aufgabe als Kirchendezernent hätten bei der Entscheidung eine Rolle gespielt.

Vor allem aber sieht sich Becker in einer zentralen gesellschaftlichen Herausforderung: "Es gibt kaum eine wichtigere Frage als die nach der Zukunft der Gesellschaft. Die hängt im Moment enorm davon ab, wie wir es im Umgang mit dem Antisemitismus halten." Der Antisemitismus sei auch ein Seismograph der Gesellschaft.

AfD und Gangsterrap

Becker sieht die größte Gefahr in einer Gewöhnung der Gesellschaft an Antisemitismus im Alltag, auf den Schulhöfen, im Sportverein, auf der Straße: "Ich bin der Meinung, dass es nicht fünf vor zwölf, sondern zehn nach zwölf ist. Viel zu vieles findet statt, ohne dass die Gesellschaft aufsteht".

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„Ich bin der Meinung, dass es nicht fünf vor zwölf, sondern zehn nach zwölf ist.“ Zitat von Uwe Becker
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Der CDU-Mann verweist auf die AfD als einen Wegbereiter dieser Entwicklung. Er kritisiert auch den Rapper Kollegah, dessen Texte seiner Ansicht nach teilweise antisemitische Stereotypen verbreiten. Das trage dazu bei, das gesellschaftliche Klima zu vergiften. Deswegen, meint der Beauftragte der Landesregierung, sei der erfolgreiche Rapper für ihn in Hessen auch "nicht willkommen".

Pflichtbesuche in Gedenkstätten

Was aber tun gegen den keimenden Antisemitismus? Das Land will jetzt am Demokratiezentrum der Uni Marburg eine landesweite Meldestelle für antisemitische Vorfälle aufbauen lassen. Becker meint auch, dass den Schulen zentrale Verantwortung zukomme. So begrüßt er den Vorschlag des Landtags-Präsidenten Boris Rhein (CDU), dass es zur Regel werden sollte, dass Schulklassen KZ-Gedenkstätten besuchen. Rhein hatte dies nach einem Besuch in der Gedenkstätte des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im Sommer gesagt. Becker kann sich vorstellen, solche Besuche  sogar zur "Pflicht" zu machen.

Generell wünscht sich der Antisemitismus-Beauftragte des Landes mehr gesellschaftliches Engagement: "Ohne dass ich Werbung für 'Fridays for Future' machen will, wünsche ich mir persönlich eine ähnliche Begeisterung der Gesellschaft. Dass man aufsteht – für das Miteinander und gegen Antisemitismus".

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 20.12.19, 19.35 Uhr

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