Verena Bahlsen
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Vor fast 130 Jahren hat ihr Urgroßvater den 'Leibniz-Butterkeks' erfunden. Doch mit Keksen hat Verena Bahlsen vorerst wenig zu tun. Die 26-Jährige sucht nach neuen Ideen, wie wir uns in Zukunft besser und nachhaltiger ernähren können.

Verena Bahlsen fällt auf mit ihrer naturroten Lockenmähne. Und sie wirkt sehr selbstbewusst, wenn sie über sich selbst sagt: "Meine größte Stärke ist, dass ich träumen kann". Sie meine das nicht so "kitschig", wie es vielleicht klingt. Träumen bedeute für sie, sich greifbare Ziele zu setzen, auf die man hinarbeiten könne. Deshalb hat die Bahlsen-Erbin auch vorerst nichts mit Keksen zu tun, sondern ihr eigenes Business gegründet, das allerdings eine Tochter des Bahlsen–Unternehmens ist.

In ihrem Berliner Restaurant "Hermann’s" sucht sie nach neuen Ideen für eine bessere und nachhaltige Ernährung und testet Food-Innovationen, die sie und ihr Team in der ganzen Welt aufspüren. Ob es um Kefir-Züchtungen für eine gesunde Magen-Darmflora geht, um Pasta aus Grillen oder um die Jackfruit als Fleischersatz. Die stachelige Frucht aus Asien habe die gleiche Faserstruktur wie Fleisch, erzählt Bahlsen, was die Inder offenbar schon lange zu schätzen wüssten.

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Dann habe jemand in Los Angeles angefangen, diese Frucht zu kochen und zu würzen und als Fleischalternative zu verwenden. Sie finde den Geschmack großartig, sagt die Jungunternehmerin: "Ich war wirklich überrascht davon, wir haben bis jetzt Jackfruit-Burger gemacht, Jackfruit-Bolognese und Jackfruit-Sandwiches." Sie habe keinen Spaß an Tofu, erzählt Bahlsen, verstehe aber, dass wir uns für eine nachhaltige Zukunft mehr pflanzenbasiert ernähren müssten, da sei die Jackfruit eine gute Alternative.

Nicht so tun, als sei alles perfekt

Die 26-jährige Urenkelin des Bahlsen-Gründers studierte in London und New York Kommunikation und Management, schloss ihr Studium aber nicht ab, weil sie es irgendwann als "sinnbringender" empfand, sich mit Ernährung zu beschäftigen. "Das große Thema meiner Generation ist Zukunftssicherung", sagt sie. "Wie sorgen wir dafür, dass wir in 20, 30, 40 Jahren alle was Gutes zu essen haben und es dem Planeten gut geht?" Jetzt sei der Zeitpunkt, sich um die Zukunft der Ernährung zu kümmern und Verantwortung zu übernehmen. "Ich möchte nicht die Generation sein, die so tut, als wäre alles, wie es jetzt ist, perfekt und müsste so bleiben."

Da viele neue Ideen rund um das Thema Essen oft außerhalb der Lebensmittelbranche entstehen, möchte Verena Bahlsen Food-Blogger, Start-Ups, Erfinder und alle, die Produkte, Landwirtschaft und Produktion neu denken, mit der Industrie zusammenbringen. Ihr Restaurant in Berlin ist zugleich Kontaktbörse und eine Art Versuchslabor für innovatives Essen und versteht sich auch als Strategieberatung für große Unternehmen - hilft ihnen, Innovationen zu finden und für sich nutzbar zu machen.

Nachhaltigkeit und Biodiversität stehen dabei für die Jungunternehmerin an erster Stelle: "Wir nutzen momentan, glaube ich, nur acht Basis-Rohstoffe als gesamtes Fundament für unser Nahrungssystem: Soja, weißer Zucker, weißes Mehl und noch ein paar andere, und dadurch haben wir einfach Riesenprobleme in der Landwirtschaft." Sie glaube, das werde sich regulieren und man werde mehr Diversität sehen, die dann auch besser für die Umwelt sei.

"Massenproduktion kann langfristig absolut gut sein"

Dabei ist es für sie kein Widerspruch, dass sie als Spross einer der größten deutschen Süßwarenhersteller für gesünderes und nachhaltigeres Essen kämpft. Ihr Urgroßvater, Hermann Bahlsen, der den Butterkeks aus England nach Deutschland brachte, war einer der Gründungsväter der industriellen Herstellung von Essen. Was ihren Urgroßvater ausgezeichnet habe, sei, dass er ganz früh um die Welt gereist sei und neue Ideen gesucht und gefunden habe. Das möchte die Wahl-Berlinerin weiterführen und neue Wege finden, die Industrie besser zu machen. Sie wolle Menschen auch zeigen, "dass Massenproduktion langfristig absolut gut sein kann für Umwelt und für Mensch".

Dass sie dieses Thema heute so umtreibt, hätte sich die Unternehmer-Tochter früher nie träumen lassen, erzählt Bahlsen: "Ich hatte gedacht, ich würde rebellieren und Künstler werden und verrückte Dinge machen, weil ich dachte, Wirtschaft ist spießig". Bis zum Alter von 18 Jahren habe sie auch nichts mit dem Familienunternehmen in Hannover zu tun gehabt. Heute ist sie Gesellschafterin der Firma - wie ihre Geschwister. Sie habe aber nie geplant, ins Unternehmen zu gehen. Ob sie es eines Tages vielleicht doch noch tun wird, um das Keks-Imperium vielleicht komplett umzukrempeln, weiß sie nicht. Aber über ihre Rolle sagt sie selbstbewusst: "Ich träume davon, die Lebensmittelwirtschaft, das System zu nutzen, um es zu verändern."

Sendung: hr-iNFO, 12.4.2019, 19:35 Uhr

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