Veronika Rücker

Als DOSB-Chefin muss sich Veronika Rücker auch mit dem schwierigen Thema sexueller Missbrauch im Sport beschäftigen. Wie sieht die Prävention aus, um Kinder und Jugendliche in den Vereinen und im Spitzensport vor Übergriffen zu schützen?

Der Sport habe schon immer ihr Leben bestimmt, sagt sie. Seit einem Jahr steht Veronika Rücker nun an der Spitze des Deutschen Olympischen Sportbunds. Die frühere Kölner Tennisspielerin und Trainerin hat den deutschen Sport lange Jahre als Aktive erlebt. Nun führt sie ihn an der Seite von DOSB-Präsident Alfons Hörmann in die Zukunft.

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Klar, dass sie im Moment begeistert die Handball-WM verfolgt und Bundestrainer Christian Prokop und seinem Team die Daumen drückt. Den deutschen Handballern sei es gelungen, die Faszination und die Begeisterung für den Sport in die Bevölkerung zu tragen. "Ich glaube, das macht schon auch Mannschaftsportarten aus, dieses Mitreißen", sagt Rücker. Doch das ist nur eine Seite des Sports.

Als DOSB-Chefin muss sich Veronika Rücker zum Beispiel auch mit dem schwierigen Thema Missbrauch im Sport beschäftigen. Immer wieder kommen einzelne Fälle ans Licht, melden sich Opfer zu Wort, werden Missbrauchsvorwürfe laut, wie zuletzt im deutschen Kanusport oder bei den Springreitern. Die Fälle häufen sich, auch vor Gericht.

Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

In einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln aus dem Jahr 2016 wurden rund 1800 Sportlerinnen und Sportler befragt, 37 Prozent gaben an, sexualisierte Gewalt im Kontext des Sports erlebt zu haben. Für Veronika Rücker eine alarmierende Zahl. Aber den Vorwurf, den ein Jurist gegenüber der FAZ geäußert hatte - "im Sport kriegen wir eine zweite katholische Kirche" -, könne sie nicht so stehen lassen. "Wir finden diesen Vergleich absolut nicht passend", sagt Rücker.

"Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich dieser Themenstellung zu nähern. Und da ist es nicht hilfreich, verschiedene Akteure miteinander zu vergleichen." Das Thema bewege sie sehr, meint die DOSB-Vorstandsvorsitzende, in ihren Augen sei es aber kein "sportspezifisches Thema". Im Sport bewege man sich auf einem schmalen Grat, man müsse da sehr genau differenzieren, denn "Sport ist halt körperlich betont, Sport ist mit sehr engem Kontakt eben auch verbunden."

Obwohl der DOSB mit seinen mehr als 27 Millionen Mitgliedern in knapp 90.000 Turn- und Sportvereinen in Sachen Prävention schon sehr gut aufgestellt sei, gelte es, die Maßnahmen noch zu verstärken. "Wir müssen noch stärker sensibilisieren für das Thema" findet Veronika Rücker, auch im Rahmen der Aus- und Weiterbildung von Trainern. Aber auch die Eltern und Sportler selber müssten dafür sensibilisiert werden, was in Ordnung und was nicht in Ordnung sei. Außerdem sei es wichtig, entsprechende Ansprechpartner in den Vereinen bereitzustellen.

Am Beispiel des US-Turnverbands zeigt sich, wie groß die Dimensionen von sexuellem Missbrauch im Sport sein können. Der ehemalige Teamarzt Larry Nassar hatte über Jahrzehnte junge Turnerinnen missbraucht und wurde Anfang 2018 zu 175 Jahren Haft verurteilt, worauf der amerikanische Turnverband Insolvenz anmelden musste. Auf die Frage, ob wir im deutschen Sport irgendwann auch mal so einen großen Fall erleben werden, antwortet Veronika Rücker: "Ich muss ehrlich gestehen, dass ich es mir aktuell nicht vorstellen kann und ich auch sehr hoffe, dass wir solch eine Geschichte nicht aufbereiten müssen hier."

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Mehr zum Thema

  • Handlungsleitfaden: Was tun, wenn man den Verdacht auf Kindeswohlgefährung im Sportverein hat oder davon weiß? Die Sportjugend Hessen hat einen Leitfaden entwickelt. [mehr]
  • Kindeswohl im Sport: Umfangreiche Informationen zu Präventionsarbeit, Vorgehen im Verdachtsfall und Ansprechpartner finden Sie hier [sportjugend-hessen.de].
  • Forschungsprojekt "Safe Sport": Analyse von Häufigkeiten, Formen, Präventions- und Interventionsmaßnahmen bei sexualisierter Gewalt. Hier finden Sie den Ergebnisbericht [dsj.de]
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Das Interview führten Martina Knief und Mariela Milkowa.

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