Wolfgang Barth (Einrichtungsleiter Drogennotdienst Frankfurt)
Wolfgang Barth (Drogennotdienst Frankfurt) betreut seit 40 Jahren Abhängige Bild © HR/DND JJ e.V.

Wolfgang Barth erlebt täglich, welche Auswirkungen Drogen auf die Seele und den Körper von Abhängigen haben. Als Leiter des Drogennotdienstes im Frankfurter Bahnhofsviertel setzt er sich dafür ein, dass Drogenabhängige als ein Bestandteil der Gesellschaft akzeptiert werden. Vor allem im Bahnhofsviertel könne es "nur ein Miteinander geben."

Jeden Morgen fährt Wolfgang Barth mit dem Zug nach Frankfurt, ins Bahnhofsviertel. Er freut sich auf seine Arbeit, die bekannten Gesichter, die neuen Herausforderungen. "Langweilig wird es hier im Haus niemals", sagt er.

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Süchtige spritzen sich Drogen in einem Druckraum.

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Im Erdgeschoss des Drogennotdienstes ist der Konsumraum: ein kühl eingerichteter Raum mit gefließtem Boden. Hier gibt es zehn Sitzplätze und Spiegel, die in Kopfhöhe an den Wänden angebracht sind.  Niemand kann rein oder rausschauen, wenn sich Abhängige einen Schuss setzen. "Hier können Drogenabhängige ihr auf der Straße erworbenes Gift, ihre Drogen konsumieren - unter ruhigen und hygienischen Bedingungen", so der Leiter des Drogennotdienstes. Dieser Prozess nehme oft einige Zeit in Anspruch, gerade bei älteren Abhängigen. Sie müssten erst eine Vene finden, bevor sie die Droge spritzen könnten.   

100 bis 200 Euro pro Tag für die Sucht

Wer hierher kommt, ist oft gezeichnet von dem Leben auf der Straße. Viele seien 40 Jahre alt und älter. Sie nehmen Heroin und Crack, um der Realität zu entfliehen. "Diese Sucht bestimmt ihren Alltag, 24 Stunden lang. Oft haben sie weder einen Wohnsitz noch eine Berufsausbildung, einen Schulabschluss oder gar soziale Kontakte", erklärt Barth.

Zwischen 100 und 200 Euro brauche ein Drogenabhängiger täglich, um seine Sucht zu finanzieren. Das setzte die Betroffenen unter einen enormen Beschaffungsdruck, so Barth. Bei Männern gehöre der Kleinsthandel, aber auch Diebstähle, Überfälle oder Betteln zum Alltag. Die meisten Frauen müssten sich prostituieren, um ihre Sucht zu finanzieren. "Das bedeutet, dass sie bereit sein müssen, den Anforderungen der Freier entgegenzukommen, um die nächste Dosis zu finanzieren. Das ist ein extrem belastendes Leben, das viele nur ertragen, in dem sie sich wieder betäuben. Und so schließt sich dann auch wieder dieser schlimme Kreislauf."

Den Kreislauf durchbrechen

 Mit Anfang 20 arbeitete Wolfgang Barth zum ersten Mal in der Suchthilfe, damals noch ehrenamtlich. Am meisten beeindruckten ihn die persönlichen Gespräche mit den Betroffenen. Viele seien wegen des Drogenkonsums straffällig geworden und im Gefängnis gelandet. "Ich habe wahrgenommen, in welcher Perspektivlosigkeit und Resignation sie sich befanden. Sie waren der Auffassung, es gebe keinen Ausweg aus ihrem Leben. Das war für mich der Anreiz zu sagen: Ich muss versuchen, für jeden Einzelnen diesen Kreislauf zu durchbrechen."

Aber das fordere auch viel Geduld. "Man braucht einen langen Atem und auch sehr viel Ausdauer. Das muss einem klar sein, wenn man den Schritt wählt, sich beruflich in die Suchthilfe zu begeben und mit Drogenabhängigen zu arbeiten", so der Diplom-Pädagoge. 

"Menschen in anderem Lebenszustand akzeptieren"

Als Teil des Frankfurter Wegs bietet die Drogennothilfe seit 30 Jahren Abhängigen die Möglichkeit, sich im Konsumraum unter hygienischen Bedingungen Drogen zu spritzen, am Methadon-Programm teilzunehmen oder eines der Notbetten für die Nacht zu nutzen. "Es ist ein Ergebnis dieser Frankfurter Drogenpolitik, dass sich die Zahl der Drogentoten so stark reduziert hat", so Barth. Anfang der 90er Jahre hatte es noch 147 Drogentote gegeben, im letzten Jahr waren es 22.

Barth setzt sich dafür ein, dass Drogenabhängige als ein Bestandteil unserer Gesellschaft wahrgenommen werden. Insbesondere im Bahnhofsviertel. "Eine Gesellschaft, die sich durch Toleranz und Offenheit auszeichnet, muss auch akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich in einem anderen Lebenszustand befinden und diese auch auf der Straße leben und auch im gleichen Viertel.“

Sein Fazit aus 40 Jahren Sozialarbeit in der Drogenszene: "Es kann nur ein Miteinander geben. Und das kann in Zukunft nur hier im Frankfurter Bahnhofsviertel umgesetzt werden. Es gibt keinen alternativen Stadtteil, in dem eine Integration von betroffenen Drogenkonsumenten so stattfinden kann wie im Frankfurter Bahnhofsviertel."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 14.8.2019, 21:35 Uhr

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