Wolfgang Büscher bei einer Lesung

Eine einsame Hütte mitten in der Natur ohne Strom und fließendes Wasser: 2019 erfüllt sich Wolfgang Büscher einen Kindheitstraum und zieht in den Wald an der hessisch-westfälischen Grenze, wo er aufwuchs. Doch er erlebt Dramatisches: das Sterben seiner Mutter und das Sterben der Bäume. Sturm, Hitze und Käferplage bringen den halben Wald um.

Ich ziehe in den Wald: Wolfgang Büscher kann gar nicht mehr genau sagen, wie er auf die Idee kam, nur dass sie auf einmal in seinem Kopf war. Vielleicht habe es mit den "unvollendeten Hüttenbau-Projekten" seiner Kindheit zu tun, als er mit den anderen Jungen aus der Nachbarschaft durch den heimatlichen nordhessischen Wald stromerte und Hütten baute, die der Förster immer wieder "kurz und klein haute".

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Wolfgang Büscher
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Die Hütte, die Büscher nun im vergangenen Jahr im Waldecker Wald bezog, stand schon da: ein einsames, karges Forsthaus ohne Strom und fließend Wasser, das ihm ein Fürstenhaus an der hessisch-westfälischen Grenze zur Verfügung gestellt hatte. In der Hütte schlug er sein Feldbett auf und brachte nur das Allernötigste mit, wie einen Gaskocher oder eine Handlampe für die Nacht. "Ich wollte mich im Wald ja nicht komplett einbunkern", sagt er. Ihm sei es auch nicht um eine esoterische Grenzerfahrung gegangen. "Natürlich hatte ich die Möglichkeit, ins nächste Dorf zu gehen und mich da mit Lebensmitteln zu versorgen."

Augenzeuge des Klimawandels

Er habe einfach Lust gehabt, etwas Neues auszuprobieren, sagt der Wahlberliner, der als Reiseschriftsteller vor allem mit seinen Fernwanderungen bekannt wurde. Er umrundete ganz Deutschland zu Fuß, wanderte durch Nordamerika und lief von Berlin nach Moskau. Die Bücher, die er darüber schrieb, wurden zu Bestsellern, der Autor wurde vielfach ausgezeichnet und Journalisten-Kollegen bezeichneten Büscher sogar als "Deutschlands vielleicht klügsten Wanderkönig". Nun schildert er in seinem neuen Buch "Heimkehr" sehr anrührend und bewegend, welche Erfahrungen er im Wald gemacht hat.

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Buchtipp

Wolfgang Büscher: "Heimkehr"
Rowohlt Verlag

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Eigentlich hatte sich Wolfgang Büscher, der für die Tageszeitung "Die Welt" arbeitet und sich immer wieder Auszeiten nimmt, um seine Bücher zu schreiben, auf eine stille Zeit eingerichtet – mit Holz hacken und Feuer machen, mit einsamen Stunden in der "Waldfreiheit" und mit einer Jagd ab und zu. Doch das Jahr wurde ungeahnt dramatisch und er Augenzeuge des Klimawandels: Stürme, Hitze und Trockenheit setzten dem Wald enorm zu. Anfang April 2019 kam die erste Borkenkäferwelle, erinnert sich Büscher. Der Förster habe zwar sofort befallene Brut-Bäume aus dem Wald entfernt und Käferfallen aufgestellt, aber "dann war die zweite, dritte und die vierte Welle. Es hörte nicht auf. Und am Ende des Sommers waren im Grunde die ganzen Fichtenbestände befallen", erinnert sich Wolfgang Büscher, der dem Förster im Revier immer wieder bei der Arbeit half und bei ihm quasi "in die Lehre ging".

Tröstliches Eintauchen in die Natur

In der Nähe seiner Hütte sei ein großer Fichtenbestand mit "herrlichen großen Bäumen" in kürzester Zeit von den Borkenkäfern buchstäblich geschreddert worden. Auf den Fichtenwurzeln habe man so etwas ähnliches wie Kaffeepulver gesehen, sagt Büscher: "Das ist das Bohrpulver, was diese halbe Million Käfer da reingebohrt hat. Und dann tritt der Förster an die Fichte, die total gesund aussieht, und die Nadeln rieseln runter. Und dann gucken wir hoch und sehen Silberperlen oben kurz vor dem Wipfel: Das ist der Todeskampf des Baumes, mit der er versucht, die Käfer einzuharzen, was ihm natürlich nicht gelingt." Der Wald sei zwar ein wilder Ort, der sich ständig verwandele, aber Büscher habe im vergangenen Jahr erlebt, "dass ein ganzer Teil des Waldes wirklich vor die Hunde geht. Da sind riesige Lichtungen entstanden, der Wald sah am Ende dieses Sommers vollkommen anders aus als am Anfang."

Doch das Jahr, das Wolfgang Büscher im Wald in seiner alten Heimat verbrachte, war nicht nur dramatisch, weil er den Klimawandel hautnah miterlebte, sondern auch weil plötzlich seine Mutter im Sterben lag. "Es war ein langer Abschied", sagt Büscher, das Sterben der Mutter habe sich über Wochen und Monate hingezogen. Büscher, der sein Heimatdorf in Nordhessen schon vor vielen Jahren verlassen hatte und nach Berlin gegangen war, empfand es als Geschenk, dass er sie beim Sterben begleiten konnte, weil er sich ganz in der Nähe seines Elternhauses im Wald einquartiert hatte. Das Leben draußen und das Eintauchen in die Natur sei dabei tröstlich für ihn gewesen. "Und wenn ich dann in diese Hütte zurückkam und ein abendliches Feuer gemacht habe und da einfach zwei, drei Stunden gesessen habe, das war einfach eine gute Art, diese Zeit zu durchleben", sagt er. Für ihn sei es auch ein Eintauchen in die eigene Biografie gewesen. Die Rückkehr ins alte Dorf und in sein Elternhaus, wo er noch viele Dinge aus seiner Kindheit in den Schubladen fand, sei "eine Wiederbegegnung und zugleich ein Abschied" gewesen.   

"Der eigentliche Waldaktivist ist der Förster"

Wenn man Wolfgang Büscher fragt, was er im Wald gelernt hat, antwortet er: "Ich glaube, ich habe gesehen, wie alles miteinander zusammenhängt". Er meint den Klimawandel, die Trockenheit, das Verdursten der Bäume, die Borkenkäfer, die ihr Zerstörungswerk in einer Weise vornehmen können, wie es früher nicht ging. Und er spricht über "die Balance, die aus dem Ruder geraten ist durch diese einseitige Fichtenwirtschaft." Die dramatischen Eindrücke und Erfahrungen im Wald hätten ihn aber nicht politisiert, sagt Wolfgang Büscher.

Er blickt skeptisch auf sogenannte "Waldaktivisten", die sich an Bäume ketten oder in Baumhäusern verschanzen, um das Roden bestimmter Waldstücke zu verhindern. Einzelne kleinere Aktionen helfen in seinen Augen nicht weiter, dazu sei das Öko-System zu komplex. Der eigentliche "Waldaktivist" sei für ihn der Förster, bei dem er in die Lehre gegangen sei, sagt Büscher: "Der versucht, seinen Wald zu retten. Das ist der Aktivismus, der mir sehr gefallen hat." Die große Herausforderung sei es, den Wald umzubauen, habe er gelernt - und zwar, "dass wir ihn so neu pflanzen, dass er mit veränderten Bedingungen zurechtkommt."  Mit seinem im Wald erworbenen Wissen kratze er aber nur an der Oberfläche, so Büscher. "Das was ich erzähle im Buch, das ist meine Erfahrung und mein Erleben über diese Monate hinweg."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 11.9.2020, 19:35 Uhr

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