Antje Boetius in einem roten Overall, die Arme verschränkt, bereitet sich auf eine Expedition vor.
Bild © Alfred-Wegener-Institut / Achim Multhaupt/laif

Antje Boetius, einst Leseratte mit Vorliebe für Piratengeschichten, ist inzwischen eine hoch angesehene Meeresbiologin geworden. Von ihren Forschungsreisen bringt die Professorin Erkenntnisse mit, die unser Denken über die Meere verändern.

"Ich hatte als Kind schon so eine Pipi-Langstrumpf-Idee von mir und mir war schon irgendwie klar, bei mir geht’s ums Abenteuer, um die Ferne", erzählt Antje Boetius. Sie sei eine richtige Leseratte gewesen und habe immer Seefahrer- und Piratenromane verschlungen und romantisiert. "Ich habe mir vorgestellt so ein Mischmasch aus Kapitänin, Piratin und Taucherin – das muss es irgendwie sein, dafür muss es doch ein Berufsbild geben."

Vielleicht Meeresbiologin und Direktorin des Alfred Wegener Instituts in Bremerhaven? Jedenfalls ist das der aktuelle Beruf der Wissenschaftlerin, die in Frankfurt geboren und in Darmstadt zur Schule gegangen ist. Sie ist eine der wenigen Frauen in Deutschland, die ein so renommiertes Forschungsinstitut leiten. Die Begeisterung aus den Kindertagen hat sie weit getragen. Und sie ist immer noch spürbar, wenn sie von ihrer Forschung erzählt. Da ist zum Beispiel diese Geschichte der kleinen weißen Tintenfisch-Mutter in 4000 Metern Tiefe.

Verhungern für den Nachwuchs

Zitat
„Es ist doch verrückt, wenn man hier oben so rummurkst, sich klar zu werden: Ein Teil der Lebensfähigkeit der Erde hängt von Tiefsee-Bakterien ab.“ Zitat von Antje Boetius
Zitat Ende

Ihre Art und Weise der Vermehrung und Brutaufzucht sei "heldenhaft", sagt Boetius: "Wenn sie Eier gelegt hat, hält sie diese für viele, viele Jahre ummantelt und kümmert sich um sie, ohne zu fressen. Irgendwann fällt sie dann als kleines Oktopus-Häutchen verhungert ab und die neuen Oktopoden schlüpfen." So etwas sei eine "ganz besondere, heldenhafte Anpassung im Tierreich", so die Forscherin.

Krake Casper
Boetis hat das Brutverhalten dieser kleinen Oktopodin untersucht. Entdeckt wurde die nur etwa zehn Zentimeter große und fast durchsichtige Krake 2016 von einem Tauchroboter in 4290 Metern Tiefe. Bild © NOAA Office Of Ocean Exploration

Winzige Einzeller sind Klimaretter

Da ist die Faszination für die Tiefsee, die die Meeresbiologin antreibt. Da ist aber immer stärker auch die Erkenntnis, wie wichtig das Leben tief unten auch für uns hier oben ist. Winzigen Einzeller im Meeresboden sind Klima-Retter, weil "die das Methan, was ansonsten ja ein gefährliches Treibhausgas wäre, schon auffressen können, bevor es überhaupt in die Atmosphäre kommt – und zwar ohne Sauerstoff direkt am Meeresboden."

Methan kommt im Meeresboden in gewaltigen Mengen vor und Bakterien verhindern, dass es in die Atmosphäre gelangen kann. Eine Entdeckung mit großer Tragweite: "Es ist doch verrückt, wenn man hier oben so rummurkst, sich klar zu werden: Ein Teil der Stabilität, der Lebensfähigkeit der Erde hängt von Tiefsee-Bakterien ab."

Winzige Organismen im Meeresboden haben großen Einfluss auf das weltweite Klimageschehen. Bakterien und Phytoplankton - kleine Algen - an der Oberfläche der Meere erzeugen Sauerstoff, und zwar genauso viel wie alle Bäume und Gräser an Land. Für Antje Boetius ist ihre Forschung längst mehr als ein großes Abenteuer. Ihr ist klar geworden, wie wichtig es ist, noch mehr über die Meere zu lernen –  nicht zuletzt, um sie zu erhalten und zu schützen.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 20.7.18, 19:35 Uhr

Jetzt im Programm