Herbstlabyrinth, Tropfsteinhöhle
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Bis in die 90er Jahre war das Höhlensystem im Westerwald unbekannt. Heute ist das Herbstlabyrinth das größte bekannte Höhlensystem Hessens: Über 11 Kilometer lang und 92 Meter tief ist der bislang erforschte Teil. Über die Entdeckung und Erforschung dieses Naturwunders spricht Stefan Bücheler mit Maximilian Thomas.

Mit jedem Schritt wird es kühler, 125 Stufen abwärts in einem Stollen, der für die Besucher in den Berg gegraben wurde. Die Hand ist am Geländer, auf dem sich Feuchtigkeit abgesetzt hat: In Breitscheid, am Osthang des Westerwaldes, bedeutet "Abtauchen" das Herunterklettern in eine faszinierende Welt, die nicht nur anders aussieht, sondern sich auch anders anfühlt.

Oben die trockene Hitze des Sommers, unten ist es 20 Grad kälter. Die Temperatur liegt konstant bei neun Grad Celsius. Die Besucher der Schauhöhle ziehen jetzt die Reißverschlüsse ihrer Fleecejacken zu. Der erste Eindruck ist spektakulär: Im hellen Licht einiger LED-Lichter wirken die Kalkablagerungen an den Felswänden wie Zuckerguss. Sie schimmern in reinem Weiß, wirken wie Kunstwerke der Natur.

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zum Artikel Das Interview: Maximilian Thomas - Höhlenführer im Herbstlabyrinth

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Einzigartig und wertvoll

Es ist eine überraschend weite Halle hier unten: Sie ist bis zu 30 Meter hoch. Von der Decke hängen glitzernd viele kleine Tropfsteine. Höhlenführer Maximilian Thomas nennt sie "Makkaroni". Denn wie die gleichnamigen Nudeln sind diese Gebilde auch innen hohl. "Die entstehen, wenn Kalkstein durch kohlesäurehaltiges Wasser aufgelöst wird. Die Tropfen kommen hier unten an einer Felsspalte an der Decke zum Vorschein, das CO2 wird abgegeben – das heißt, der Kalk kann sich nicht mehr innerhalb des Tropfens halten und lagert sich ringförmig ab", erklärt Thomas. Dieser Prozess, Tropfen für Tropfen, lasse dann so einen Makkaroni enstehen.  

Die Makkaroni werden zu Stalaktiten, wenn der Hohlraum im Inneren verstopft wird und die Tropfen nicht mehr unten hindurch fließen können. Dann wächst der Tropfstein auch in die Breite. All das geschieht sehr langsam: Er wächst etwa einen Millimeter in 100 Jahren.

Wer mit diesen Informationen auf die Stalaktiten, Stalagmiten, die Sinterfahnen und Sinterorgeln hier unten schaut, versteht schnell, wie einzigartig und wie wertvoll die Höhle im Lahn-Dill Kreis ist. Es ist das größte Höhlensystem in Hessen. Bislang sind knapp zwölf Kilometer erforscht, bis zu 90 Meter unter der Erde. Im Herbst 1994 wurde die Höhle durch einen Felsspalt erstmals erkundet. Seitdem träg sie den Namen "Herbstlabyrinth".

Die Wunderwelt der Tiefe

Zitat
„Der größte Bär, der je gelebt hat, war ein Vegetarier!“ Zitat von Maximilian Thomas
Zitat Ende

Neben den Kunstwerken der Natur wurden hier unten auch die Überreste früherer Bewohner gefunden: Jede Menge Knochen von Höhlenbären, berichtet Maximilian Thomas: "Das war der größte jemals existierende Bär. Er war drei Meter fünfzig bis drei Meter achtzig groß", sagt Thomas. Der männliche Bär habe fast eine Tonne auf die Waage gebracht. Und: "Er war Vegetarier. Der größte Bär, der je gelebt hat, war ein Vegetarier!"

In der Höhle hat der längst ausgestorbene Bär seinen Winterschlaf gehalten. Die Weibchen haben hier ihre Kinder zu Welt gebracht. Die versteinerten Knochen zeugen davon, dass im Laufe der Jahrtausende nicht alle Bären aus dem Winterschlaf wieder aufgewacht sind. Die Besucher aber verlassen die Höhle nach einer Stunde wieder. Jetzt heißt es auftauchen aus der kühlen Wunderwelt der Tiefe - wieder hoch in die Hitze des Sommers ...

Weitere Informationen

Die hr-iNFO Sommer-Interviews

Mit dem Thema Korallenriffe beginnen unsere Sommerinterviews, die diesmal unter dem Motto "Abgetaucht" stehen. Weitere Interviews führen uns jeweils freitags in die unbekannte Welt der Tiefsee, beschäftigen sich mit der Faszination der Unterwasserfotografie und tauchen ab in das unterirdische Höhlensystem Herbstlabyrinth im hessischen Breitscheid.

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Wenn er abtaucht, dann meistens richtig tief: Freiwald erforscht Korallenriffe in der kalten Dunkelheit der Tiefsee. Lange war unbekannt, wie weit verbreitet diese Ökosysteme sind. Im Interview spricht er darüber, wie wichtig sie als Lebensraum sind und über die faszinierende Welt weit unter der Meeresoberfläche.

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Freitag, 3.8., um 19:35 Uhr
Tobias Friedrich: Unter Wasser zu fotografieren ist überwältigend
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Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 27.7.18, 19:35 Uhr

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