Stephan Lamby bei der Preisverleihung zur Goldenen Kamera 2019

Journalist Stephan Lamby hat für seine neue Dokumentation und sein neues Buch in den USA recherchiert. Sein Urteil: Das Land befindet sich in einer neuen Art des Bürgerkriegs.

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Zum Artikel Stephan Lamby – Dokumentarfilmer und Amerika-Kenner

Stephan Lamby
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"Die Vereinigten Staaten befinden sich mitten in einem neuen Bürgerkrieg – ausgetragen mit den Waffen der Mediengesellschaft." Das schreibt Stephan Lamby in seinem Buch "Im Wahn – die amerikanische Katastrophe", das in dieser Woche erschienen ist. Gemeinsam mit Klaus Brinkbäumer hat Stephan Lamby in den USA recherchiert. Herausgekommen ist eine "Kriegsreportage", ein Bericht über eine gespaltene Nation - einen Monat vor der Wahl zum Präsidenten der USA.

Amerika hat ihn nie wirklich losgelassen. Das geht auch gar nicht, denn Stephan Lamby ist über seine Familie eng mit den Vereinigten Staaten verbunden. Seine Tante ging in den 1950er Jahren zum Studium nach Chicago – und blieb. Und so gibt es nun vier Cousinen und Cousins, mit denen Lamby in engem Kontakt ist. Einmal im Monat kommt sogar die ganze transatlantische Großfamilie per Videokonferenz zusammen.
Natürlich blickt jetzt die Familie gespannt auf die Präsidentschaftswahl. "Wir reden nicht nur über Politik. Das hat auch einen guten Grund. Auch die Familie ist politisch gespalten." USA in a nutshell – Lamby hat das in der eigenen Familie. Vom glühenden Trump-Fan bis zu erbitterten Gegnern ist alles dabei.

Recherche im Weißen Haus

Für Buch und Film hat Lamby natürlich professioneller recherchiert – jenseits der eigenen Familie. Gemeinsam mit Klaus Brinkbäumer, dem früheren Spiegel-Chefredakteur, zuletzt Kolumnist und Korrespondent für Tagesspiegel und Zeit, hat er das Land bereist. Hat recherchiert im Weißen Haus und bei vielen US-Medien.

Das US-Mediensystem sei inzwischen völlig polarisiert, schreibt Lamby auch im Buch: "Die Kombattanten sind Fox News, rechte Trolle und verschwörungstheoretische Talk-Radios auf der einen, CNN, die New York Times und die Washington Post auf der anderen Seite."

Ist da überhaupt noch objektiver Journalismus möglich? Können sich die Amerikanerinnen und Amerikaner überhaupt noch ausgewogen informieren? Lamby glaubt das nicht. Die "Mitte" der Medienlandschaft gebe es in den USA nicht mehr. Und so konsumierten die Menschen eben auch Nachrichten von der einen oder der anderen Seite.

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Buch-Tipp

Klaus Brinkbäumer/Stephan Lamby: "Im Wahn – Die amerikanische Katastrophe." Verlag C.H.Beck. 391 Seiten. 22,95 Euro.

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Trump, der Twitter-Präsident

Die polarisierte Medienlandschaft habe Donald Trumps Aufstieg begünstigt. Inzwischen kommuniziere der weitgehend unter Umgehung klassischer Medien und mache Politik per Twitter. Ergebnis der Politik ist laut Lamby "die amerikanische Katastrophe". Und die beschreibt er mit deutlichen Worten, spricht von "Bürgerkrieg" und "Kampf".

"Wir benennen die Probleme, wir zeichnen die Situation, die Motivation und auch die Folgen nach. Insofern finde ich das ausgesprochen angemessen", sagt Lamby in hr-iNFO Das Interview. "Das ist eine neue Art von Bürgerkrieg, der mit medialen Waffen ausgetragen wird."

Das Fernsehduell von Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden hat den Dokumentarfilmer Lamby trotzdem überrascht – und schockiert. 2Wie schamlos gelogen wird, wie beleidigt wird, wie Fakten verdreht werden – und das vor einem Weltpublikum – das ist jämmerlich." Und es sage viel über den Zustand der amerikanischen Politik aus.

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Die Doku im Ersten

"Im Wahn - Trump und die Amerikanische Katastrophe" läuft am Montag, 26. Oktober, ab 22.50 Uhr im Ersten.

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Liebe zum Jazz bleibt

Den USA wird Stephan Lamby trotz allem treu bleiben und das Land auch wieder bereisen, wenn das wieder möglich sei. Nicht nur wegen seiner Familie jenseits des Atlantiks. Sondern auch aus Liebe zum Jazz. Die war schon 1986 so groß, dass der junge Hochschulabsolvent „mit Saxophon und Schlafsack“ nach New York ging. Als freier Journalist interviewte Lamby mit Vorliebe Jazzmusiker. "Ich habe viel gelernt damals – nicht nur als Musiker sondern von den Menschen."

Aus der Karriere als Jazzmusiker wurde zwar nichts, die als Journalist und Dokumentarfilmer verlief aber "ausgezeichnet". 2018 erhielt Lamby zuletzt den deutschen Fernsehpreis für seine Dokumentation "Nervöse Republik" in der deutsche Politiker aller Parteien ihm den Blick hinter die Kulissen erlaubten: "Ich glaube, dass sie das Gefühl haben, dass ich sie trotz allem fair behandele. Denen mögen die Filme nicht gefallen, aber Klagen oder Beschwerden habe ich noch keine bekommen."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 2.10.2020, 19.35 Uhr

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