Der Grimme-Preisträger Marcus Vetter ist mit vielen Vorurteilen zum Weltwirtschaftsforum nach Davos gereist. Die überraschende Erkenntnis bei seinem exklusiven Dreh hinter den Kulissen: "Es wird dort schon irgendwie versucht, die Welt besser zu machen."

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Marcus Vetter
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Das Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos ist ein Treffen der wirklich Mächtigen. Ob Präsidenten, Konzernchefs, Wissenschaftler oder Aktivisten: Wer am Forum teilnimmt, bestimmt die Geschicke des Planeten. Deswegen schauen auch nicht alle wohlwollend auf das exklusive Treffen, bei dem immer Ende Januar fünf Tage lang hinter den Kulissen debattiert und entschieden wird. Der Dokumentarfilmer Marcus Vetter hat den 81 Jahre alten WEF-Gründer Klaus Schwab über zwei Jahre lang begleitet – und durfte letztes Jahr hinter genau diese Kulissen schauen. Entstanden ist dabei der Dokumentarfilm Das Forum, der vom Hessischen Rundfunk mitproduziert wurde.

"Sehr nah" kam Marcus Vetter den Mächtigen, erzählt er in Das Interview. Er konnte Auftritte von Donald Trump beobachten, Wortwechsel zwischen Klaus Schwab und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron mithören und bekam mit, wie der Politikerin Aung San Suu Kyi aus Myanmar hinter verschlossenen Türen wegen Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land die Leviten gelesen wurden. Er habe mit einem kleinen Kamerateam gedreht und die Belauschten hätten irgendwann vergessen, dass über ihren Köpfen "eine Riesenangel" hing, die den Ton mitgeschnitten hat: "Und da sind schon die besten Sachen rausgekommen."

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Das Interview führte hr-iNFO-Kulturreporter Jan Tussing

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Mehr als ein "liberaler Kapitalistenhaufen"

Er selbst sei mit vielen Vorurteilen an den Film herangegangen: "Wir haben im Moment so einen Elite-Verdruss und ich glaube, wir haben das Gefühl, dass wir es satt sind, diesen Politikern zuzugucken, weil sich angeblich nichts ändert." Es sei der Versuch, immer mit dem Finger auf die zu zeigen, die an irgendetwas Schuld sind. Aber der Blick auf unsere Eliten sei beim genaueren Hinsehen eben doch komplexer, sagt Vetter, das habe er auf dem Forum verstanden.

Teilt Vetter die Kritik am Weltwirtschaftsforum? Ja und Nein. Natürlich produzieren sich die Mächtigen dort. Natürlich profitieren die Geldgeber des Forums - und ja, die Unternehmen machen dort auch Deals. Aber das WEF sei nicht nur ein "liberaler Kapitalistenhaufen", dort werde "schon irgendwie versucht, die Welt besser zu machen", so Vetter. Sein Fazit: "Ich bin nicht der Verfechter des Weltwirtschaftsforum, ich bin nur jemand der sagt, guckt bitte genauer hin. Vielleicht ist es auch mal wert, denen zuzuhören, was die eigentlich wollen."

Wie Perlen vor die Säue

Marcus Vetter ist in Stuttgart geboren, 53 Jahre alt, lebt heute in Duisburg und macht seit über 20 Jahren Dokumentarfilme. Ein bekannter Name in der Szene. Zu Beginn seiner Karriere erhielt er drei Jahre in Folge den Grimmepreis für seine Filme. "Das ist was Tolles, weil man mit so einem Preis das Vertrauen bekommt, weitermachen zu dürfen." Vetter dreht in der Folge vielbeachtete Dokufilme wie "Das Herz von Jenin" und den autobiographischen Film "Mein Vater der Türke", die er als seine wichtigsten Filme bezeichnet.

Vetter freut sich auch über den Festivalerfolg von Das Forum. Beim internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam habe er den Film vor 1.500 Leuten gezeigt: "Das war schon irre irgendwie". Aber das sei nicht die Regel. Dokumentarfilmer machen eine "wahnwitzige Arbeit" und trotzdem bekomme ein "irreguter" Dokumentarfilm im Kino nur 3.000 Zuschauer. 30.000 oder 50.000 sei die absolute Ausnahme. Es gebe hunderte guter Filme: "Man könnte sagen, das ist Perlen vor die Säue. Was geschaut wird, sind Superhelden- und Mainstreamfilme."

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Sendetermin für Das Forum

Vetters neuer Film Das Forum sehen Sie am 14. Januar bei Arte (20.15 Uhr) und am 20. Januar im Ersten (22.45 Uhr). Ab dem 18. Januar ist die Dokumentation zudem in der ARD Mediathek zu finden.

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Für immer Filmemacher

Für Vetter gibt es trotzdem keinen Plan B. "Mal ganz kurz habe ich gedacht, ich kann nicht mehr", nur um das im Interview sofort wieder zurechtzurücken: "Ich bin einfach ein geborener Filmemacher und es gibt ja keine Endzeit. Ich könnte mir vorstellen, immer Filme zu machen."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 14.1.2020, 19:35 Uhr

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