Julia Leeb mit Fotoapparat

Sie berichtet von den gefährlichsten Orten der Welt und fotografiert, wo sonst niemand hinschaut. Dabei zeigt Julia Leeb inmitten von Krieg und Gewalt auch immer wieder Menschen, die anderen Hoffnung und Zuversicht geben. Sie sagt, die Pandemie erschwere die Arbeit vieler Journalisten, denn die Berichterstattung sei monothematisch.

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Zum Artikel Julia Leeb – Fotojournalistin in Kriegs- und Krisengebieten

Julia Leeb
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"Nachts verbringe ich viele Stunden wach", sagt Julia Leeb. Die Fotojournalistin ist seit vielen Jahren in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs, um Ungerechtigkeiten zu dokumentieren, wie sie sagt, denn "Unrecht braucht Zeugen". Doch die Bilder arbeiten nachts in ihr.

Auslöser für ihre Schlafprobleme war ein lebensgefährliches Erlebnis vor zehn Jahren. Als sie im Zuge des Arabischen Frühlings auch in Libyen war, um über die Revolution gegen Diktator Muammar al-Gaddafi zu berichten, wäre sie bei einem Granatenangriff in der Wüste fast getötet worden. Dennoch will sie sich in ihrer Arbeit nicht von Ängsten einschränken lassen und es zieht sie immer wieder in die gefährlichsten Gegenden der Welt. Auf die Frage, was sie antreibt, sagt die gebürtige Münchenerin: "Ich bin kein Adrenalin-Junkie, aber der Inhalt treibt mich schon und ich konnte ganz lange nicht ruhig sein, wenn ich nicht der Wahrheit ganz nahe gekommen bin."

Ein Foto von Julia Leeb aus einem Kriegsgebiet.

Mama Masika und der Tabubruch

Leeb möchte mit ihren Bildern die toten Winkel der Welt zeigen und hautnah erfahren, wie sich Menschen in politischen Extremsituationen verhalten – bei den Warlords im Kongo, bei den Kämpfen der Nubier im Sudan, während der Revolution in Ägypten oder in Nordkorea. Dabei geht es ihr immer auch darum, nicht nur von Kämpfen, Leid und Missständen zu berichten, sondern auch von Hoffnungsträgerinnen und stillen Helden, die sich unter schlimmsten Bedingungen für Frieden und Menschlichkeit einsetzen.

Als Beispiel nennt Leeb die Begegnung mit Mama Masika im Kongo, die ein Heim für Opfer sexueller Gewalt gegründet hat, nachdem ihr und ihren Kindern das gleiche Schicksal widerfahren sei. "Strategische Vergewaltigungen sind dort ein Kriegsmittel", sagt die Fotojournalistin, "Doch anstatt zu hassen und sich zu rächen, hat sich Mama Masika entschieden, für das Gute zu kämpfen und hat ein Tabu gebrochen – das Tabu, die Täter zu stigmatisieren und nicht die Opfer." Mama Masika sei inzwischen an Malaria verstorben, erzählt Leeb, aber sie habe Betroffenen Hoffnung und Zuversicht gegeben.

Eine schwarze Frau im Tarnanzug posiert mit Waffe

Die Macht der Bilder

Das tut auch Tom Catena, ein US-Arzt, den Leeb in den Nuba-Bergen im Sudan getroffen hat. Dort tobt ein blutiger Krieg zwischen dem Sudan und dem Südsudan, der sich 2011 für unabhängig erklärte. Der Arzt sei dort für eine Million Menschen zuständig, zusammen mit einem Einheimischen, den er ausgebildet habe: "Er hat nur ein kleine Hütte, es gibt dort keinen Strom und er amputiert ständig - ohne gescheite Ausrüstung und ohne Medikamente. Das ist unbeschreiblich, unter was für Konditionen Menschen heute noch leben müssen", so Leeb.

Sie berichtet auch deswegen über diese Menschen und Orte, weil sie daran glaubt, dass Bilder eine "unglaubliche Macht haben und das Bewusstsein sehr vieler Menschen verändern" können. Sie habe zum Beispiel auch über eine Schule in Somalia mitten im Kriegsgebiet berichtet, die daraufhin große Aufmerksamkeit bekommen und Spender gefunden habe.

Weitere Informationen

Buchtipp

Julia Leeb, "Menschlichkeit in Zeiten der Angst – Reportagen über die Kriegsgebiete und Revolutionen unserer Welt", Suhrkamp Verlag, 234 Seiten, 18 Euro

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Corona verdrängt andere Themen

Allerdings erschwert die Corona-Pandemie ihren Einsatz und auch die Arbeit vieler anderer Journalisten weltweit, nicht nur weil das Reisen schwieriger geworden ist, sondern auch weil Corona andere Themen in den Hintergrund gedrängt hat. "Ich finde es schade, dass es eine monothematische Berichterstattung gibt, aber die Welt dreht sich weiter. Wir leben im Zeitalter der Informationen und wir können es uns nicht leisten, nicht mehr zu wissen, was vor sich geht."

Viele Autokraten hätten Notstandsgesetze verabschiedet, die auch die Pressefreiheit beträfen und den Notstand überdauern könnten, befürchtet sie. Und sie fragt: Welcher freie türkische Journalist berichtet noch kritisch aus der Türkei? Auch aktuelle Berichte aus Afghanistan, Somalia oder dem Jemen vermisst Leeb und findet: "Das ist ein unglaublicher Rückschritt, in dem wir uns jetzt informationstechnisch befinden."

Sendung: hr-info, Das Interview, 17.3.2021, 19.35 Uhr

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