Stephan Trüby
Bild © Stephan Trüby

Ganz Frankfurt scheint begeistert von seiner neuen Altstadt. Scharfe Kritik an den Rekonstruktionen kommt von dem Stuttgarter Architekturprofessor Stephan Trüby, der damit eine heftige Debatte ausgelöst hat.

Ein Spaßverderber will Stephan Trüby nicht sein. Auch er könne sich vorstellen, in der neuen Frankfurter Altstadt "eine gute Zeit zu verbringen". Handwerklich toll gemacht seien die rekonstruierten Häuser: "Ich hatte fast nirgendwo den Eindruck von Disneyland." Dennoch kritisiert Trüby das Projekt "fundamental", wie er sagt. Denn der Wiederaufbau von Teilen der im Krieg zerstörten Altstadt reduziere "Geschichte auf ein eindimensionales Wunschkonzert", ein "Heile-Welt-Gebaue" – so als hätte es Nationalsozialismus und Krieg nie gegeben. Daher sei es auch kein Zufall, dass die erste parlamentarische Initiative für die Rekonstruktion von Teilen der Frankfurter Altstadt von rechten Rand des politischen Spektrums gekommen sei.

Zitat
„Selbstverständlich kann nicht jedes neue Haus in Deutschland zugleich ein Holocaustmahnmal sein.“ Zitat von Stephan Trüby
Zitat Ende

Stephan Trüby leitet das Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen an der Universität Stuttgart und beschäftigt sich intensiv mit den Beiträgen der "Neuen Rechten" und rechtsextremer Parteien zur Architekturdebatte. Ihnen gehe es um eine "ideale deutsche Geschichte, auf die man mal wieder stolz sein könnte". Die Rekonstruktionsarchitektur werde zum Medium, um eine rechte Ideologie von Identität und Heimat in bürgerliche Kreise zu tragen, warnt Trüby. Nicht die Rekonstruktionen an sich will der Architekturprofessor angreifen, betont er, sondern er wolle auf die Akteure aufmerksam machen, die dabei seien, "das Thema zu kapern".

Audiobeitrag

Podcast

zum Artikel Stephan Trüby, Architekturprofessor und Altstadt-Kritiker

Ende des Audiobeitrags

Trübys Kritik hat eine heftige Debatte ausgelöst, in der er sich oft falsch verstanden fühlt. "Selbstverständlich kann nicht jedes neue Haus in Deutschland zugleich ein Holocaustmahnmal sein", sagt er. Und niemals habe er Fachwerk als faschistisch bezeichnet. Ihm gehe es um ein "geschichtsbewusstes Bauen", das Brüche und Zerstörungen der Vergangenheit sichtbar mache. Ein gutes Beispiel für eine gelungene Rekonstruktion sieht Trüby in der Frankfurter Paulskirche, bei deren Wiederaufbau nach dem Krieg bewusst moderne Elemente integriert wurden. Auch bei der Altstadt hätte es diese Möglichkeit gegeben, den "alten Stadtgrundriss zu rekonstruieren" und dabei geschichtsbewusst und zugleich "mit einem Bekenntnis zur Zeitgenossenschaft" zu bauen.

Sendung: hr-iNFO, 22.6.2018, 19.30 Uhr

Jetzt im Programm