Die Wende spielt bei Gregor Sander eine große Rolle – im Privatleben und auch in seinen Büchern. Der neueste Roman des Schriftstellers beleuchtet die frühen und späteren Jahre nach dem Mauerfall.

Gregor Sander hatte keine Lust auf einen weiteren DDR-Roman. Vielmehr wollte er das Lebensgefühl einer ganzen Generation aufflammen lassen, die sich 1989 plötzlich in einem anderen System wiederfand. "Es hat sich einfach alles verändert", so Gregor Sander, der 20 Jahre alt war, als die Mauer fiel. "Ich weiß aber nicht, wie oft ich das im Leben haben muss, ehrlich gesagt."

Die unglaublichen 90er in Berlin

Die deutsch-deutsche Geschichte erleben auch die Figuren in seinen Romanen ganz konkret. Sander erzählt die Geschichte der Hauptfiguren in Rückblenden. Ein Stilelement, das ihn und seine Romane auszeichnet. "Das interessiert mich beim Erzählen: das Vergehen von Zeit. Und was es mit Menschen macht."

Sein neuestes Werk, "Alles richtig gemacht", erzählt die Geschichte von Daniel und Thomas. Die beiden leben in Rostock und lernen sich in den 80er Jahren in der DDR kennen. Nach der Wende zieht es die jungen Männer nach Berlin. Das Leben erscheint ihnen wie eine einzige Party: Sie betreiben eine Bar, führen die ersten Beziehungen, erleben Abenteuer, scheitern und sind auf der Suche nach dem Glück. "Ich hatte große Lust zu zeigen, wie es nach dem Mauerfall war. Das waren diese unglaublichen 90er Jahre, die in Berlin eben sehr speziell waren." Später treffen sich Daniel und Thomas im Hier und Jetzt wieder.

Vom Schlosser zum Schriftsteller

In den beiden Figuren verarbeitet Sander auch seine eigene Lebenserfahrung. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in der DDR, machte dort eine Ausbildung zum Schlosser, später eine zum Krankenpfleger. "Ich vermisse gar nichts aus der DDR", so der 51-Jährige. Vielmehr habe er sich in dem System eingesperrt gefühlt. "Ich konnte und durfte das Land nicht verlassen. Die DDR bekam immer Panikanfälle, wenn man aus dem System ausscheren wollte." Das beschäftigt ihn bis heute. "Ich ertrage es nicht, so eingeengt zu werden. Ich ertrage es nicht, mich festzulegen, wenn ich mich nicht festlegen will. Und ich muss manchmal zwanghaft meine Meinung sagen."

Nach der Wende zog Sander nach Berlin. Er erlebte dort die unbegrenzten Möglichkeiten eines Anfang-20-Jährigen, studierte erst Medizin, später Geschichte und wurde durch ein Stipendium ermutigt, doch noch Schriftsteller zu werden. Sein Debütroman "Abwesend" wurde für den deutschen Buchpreis nominiert, sein zweiter Roman "Was gewesen wäre" kommt im November in die Kinos.

"Wir haben viel zu lange weggeguckt"

In seinen Romanen verbindet Sander die deutsche Geschichte mit den Lebensläufen seiner Hauptfiguren. "Alles richtig gemacht" spielt auch zur Zeit des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen. Im August 1992 wurde dort die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber angegriffen. An den Ausschreitungen beteiligten sich damals mehrere hundert rechtsextreme Randalierer und bis zu 3.000 applaudierende Zuschauer. "Ich glaube, dass vieles, was wir heute an rechtem Gedankengut und Rechtsradikalität erleben, dort seinen Anfang nahm. Und dass wir viel zu lange weggeguckt haben."

Bis heute hätten wir ein Problem mit dem Rechtspopulismus. Das zeigten auch die hohen Umfragewerte für die AfD vor der Landtagswahl in Sachsen und Brandenburg. Es sei zwar falsch, das Problem nur im Osten zu suchen. "Aber die Leute dort sind empfänglicher dafür. Da gibt es auch weniger Vertrauen in die etablierten Parteien." Viele Menschen hätten Angst vor der Globalisierung. Die Welt gerät aus den Fugen und man möchte sich auf sein kleines Dorf zurückziehen.

Die Gedanken sind frei

Mit seinen Büchern möchte Sander nicht missionieren. Vielmehr will er aufzeigen, was war. Verstrickt mit den Lebensläufen seiner Romanfiguren. "Ich möchte die Leute zum Nachdenken anregen. Ich beschreibe ihnen einen Zustand. Und was sie denken, das überlasse ich komplett ihnen."

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 28.08.19, 19.35 Uhr

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