Nino Haratischwili
Auch in diesem Jahr stand Nino Haratischwilis Buch auf der Short List des Deutschen Buchpreises. Bild © picture-alliance/dpa

Von der Kritik gefeiert, von der Kritik gescholten: Die deutsch-georgische Autorin Nino Haratischwili hat schon alle Höhen und Tiefen erlebt. Nun möchte sie sich manchmal am liebsten verstecken. Dabei muss sie das gar nicht.

Am Ende des Interviews im Übertragungswagen auf der Buchmesse drückt sich Nino Haratischwili tief in den Sessel. "Kann ich nicht in diesem Bus bleiben und mich verstecken?" Das kleine Lächeln der deutsch-georgischen Schriftstellerin wirkt bitter. Für ihre große Familiensaga "Das Achte Leben (für Bilka)" von 2014 wurde sie von der Kritik gefeiert. Jetzt hat sie ihren neuen Roman veröffentlicht und es regnet schlechte Rezensionen. Ihre Sprache wird kritisiert und die "ausufernde" Länge des Romans. 

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Die teilweise herbe Kritik an "Die Katze und der General" ist nicht spurlos an der 1983 in Tiflis geborenen Autorin vorbeigegangen. Jetzt setzt ihr der Stress auf der Buchmesse zu. Obwohl die vielen Termine und Interview-Anfragen ja auch etwas Positives verdeutlichen: Das Interesse an Haratischwili, der Theaterregisseurin, Dramatikerin und Romanautorin ist groß, ihr neues Buch interessiert die Menschen.  

Was macht der Krieg aus Menschen?

Im Zentrum steht das Verbrechen, das eine Gruppe russischer Soldaten im ersten Tschetschenien-Krieg verübt. Sie foltern und vergewaltigen die junge Tschetschenin Nura. Eine grausame Tat, für die die Gruppe nicht wirklich zur Rechenschaft gezogen wird. Aber sie verfolgt die Männer und verändert sie. Vor allem einen, der sich nach dem Krieg zum Oligarchen entwickelt hat. Das ist der General.

Es ist ein Roman, der im Tschetschenien-Krieg beginnt und davon erzählt, wie sehr Krieg und Gewalt Menschen verändert. "Das ist eine Art Leitmotiv – oder ein roter Faden –, der sich durch das gesamte Buch durchzieht", sagt Haratischwili, die mit ihrem Roman gleich mehrere Fragen aufwirft: "Was bringt Menschen dazu, solche Taten zu verüben? Was bringt ganz normale junge Männer dazu, dass ihnen die Sicherung durchbrennt? Sind wir alle dazu fähig? Hat man unter solchen Umständen überhaupt eine Wahl?" Mit der Figur des Generals lässt Haratischwili ihre Leser miterleben, dass der Krieg für ihn längst nicht vorbei ist, als die Waffen in Tschetschenien schweigen. Dabei lässt sich die Autorin Zeit, auch "Die Katze und der General" ist wieder ein dickes Buch geworden, 764 Seiten stark.

Der Geschichte beim Wachsen zusehen

Die Geschichte hat Haratischwili erst beim Schreiben entwickelt. "Ich weiß ganz, ganz selten, was auf der nächsten Seite passieren wird. Ich lasse mich treiben. Aber ich brauche natürlich so eine Art Gerüst", erzählt sie und hat einen Vergleich für ihre Arbeitsweise parat: "Ich vergleiche Schreiben mit einem Zustand, als wäre man ein Sieb, man muss durchlässig sein. Wenn ich vorher in meinem Kopf schon alles festlegen würde, das würde mich sehr einschränken."

Diese Art zu schreiben hat den faszinierenden Effekt, dass die Leser miterleben können, wie die Geschichte gewachsen ist. Dass nicht jeder Abzweig für die Dramaturgie zwingend nötig gewesen wäre, stimmt sicher. Aber so ist es ein großes Buch mit Eigensinn und  Eigenleben.

Sendung: hr-iNFO., 11.10.2018, 19.35 Uhr

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