August Zirner
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August Zirner ist einer der renommiertesten und wandlungsfähigsten deutschen Schauspieler. Derzeit ist er mit einem "Frankenstein"-Programm auf Tour, das er als höchst aktuell verstanden wissen will. "Der Horror für mich ist der Gewissenskampf des Wissenschaftlers", sagt der 62-Jährige.

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Wie weit darf Forschung gehen? Und wie gefährlich wird künstliche Intelligenz, wenn wir sie nicht mehr kontrollieren können? Diese Fragen interessieren August Zirner, der den berühmten "Frankenstein"-Roman von Mary Shelley als Lesung mit Musik aufbereitet hat – zusammen mit der Jazz-Combo "Spardosen-Terzett". August Zirner spielt Querflöte, erzeugt mit gruseligen Soundeffekten und seiner tiefen sonoren Stimme Gänsehaut-Atmosphäre auf der Bühne. Allerdings möchte er "Frankenstein" nicht als Horrorstück verstanden wissen, sagt er. "Der Horror für mich ist der Gewissenskampf des Wissenschaftlers."

Opfer der Technologie?

Das Monster kommt bei ihm auf der Bühne auch nicht vor. Zirner konzentriert sich in seinem Programm auf die Figur des Wissenschaftlers Victor Frankenstein, der einen künstlichen Menschen erschaffen hat und dann aber die Kontrolle über diese Kreatur verliert. Der Roman ist genau 200 Jahre alt, beschäftigt sich aber mit den Fragen zur Stunde, findet August Zirner: "Das Unrecht, dass Victor Frankenstein begeht, ist dass er beschließt, zu werden wie Gott. Und dass er sagt: Ich werde den Tod überwinden, ich werde leblose Materie überwinden und damit sind wir ja momentan extrem konfrontiert. Ob es jetzt künstliche Intelligenz ist oder irgendwelche chinesischen Experimente, wo Affen geklont werden."

Er betreibe auf der Bühne aber kein "Wissenschaftler-Bashing" und sei auch nicht gegen moderne Technologien, aber "es liegt schon auch an uns, wie sehr wir uns zu Opfern der Technologie machen", findet Zirner. Der 1956 als Sohn österreichisch-jüdischer Immigranten in den USA geborene Schauspieler hält sich selbst zwar nicht für einen Zukunftspessimisten, aber er gehöre zu der Generation der Nach-68er, "die grade den Absprung zu der hochtechnologischen Lebensweise nicht schafft", sagt Zirner und fügt hinzu: "Ich bin, glaube ich, ein prädestinierter analoger Mensch."

Mariela Milkowa und August Zirner
Mariela Milkowa hat August Zirner im hr-iNFO-Studio zu Gast. Bild © hr

Das amerikanische Dilemma

August Zirner ist auf jeden Fall ein nachdenklicher Mensch. "Mir macht die zunehmende Erkaltung und Erlahmung von Kultur und emphatischer Schulung Sorgen", sagt er, "auf der anderen Seite sehe ich auch eine junge Generation, die diese Technologie benutzt und sich sehr menschlich entwickelt.“ Von daher habe er auch Vertrauen in die Jüngeren. Mit seinem "Frankenstein"-Programm möchte er sein Publikum auch nicht belehren, sondern "gerne die Frage zurücklassen: Ist es in Ordnung, wenn der Mensch meint, schlauer zu sein als das Leben?"

August Zirner, der einer der meist beschäftigten Schauspieler in Deutschland ist, in über 140 Film- und Fernsehrollen gespielt hat und unter anderem mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, ist aber auch ein politischer Mensch. Er hat die ersten 17 Jahre seines Lebens ins Amerika verbracht, lebt seit 45 Jahren in Deutschland und hat noch den amerikanischen Pass. Die politische Entwicklung seit Donald Trump US-Präsident ist, treibt ihn um. "Ich bin Amerikaner", sagt August Zirner, aber er sei nicht stolz darauf. "Im Gegenteil, es ist ein Dilemma, in dem ich mich befinde. Ich bin zerrissen. Ich habe momentan keine Lust darauf, dorthin zu fahren, weil ich weiß, dass ich mich anlegen würde."

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Sendung: hr-iNFO, 30.5.2018, 19.35 Uhr

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