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Ingo Schulze daheim vor einem Buchregal

Für den Schriftsteller Ingo Schulze hätte der März ein ereignisreicher Monat werden sollen. Auf der Leipziger Buchmesse und auf einer Lesereise wollte er seinen neuen Roman vorstellen. Stattdessen sitzt er wegen Corona zuhause.

Es komme ihm fast vor wie Weihnachten, sagt Ingo Schulze. "Ich verbringe viel Zeit mit Kindern und Frau, was natürlich schön ist, und trauere manchmal den Veranstaltungen nach, die jetzt gerade wären." Doch das seien Luxusprobleme, denn "bei anderen geht es um die Existenz oder um Leben und Tod". Ingo Schulze will die Zeit zuhause in seiner Berliner Wohnung auch zum Lesen nutzen. "Letztlich bin ich ohne die Bücher, die ich gelesen habe, nicht denkbar", weiß er. "Jeder Mensch braucht Geschichten, um mit seinen eigenen Erfahrungen klar zu kommen oder mit ihnen auch nicht allein zu bleiben." Auch und gerade in Zeiten von Corona ist das so, eine Chance für das Lesen.

Von einem Leben in der Welt der Bücher handelt auch Schulzes neuer Roman "Die rechtschaffenen Mörder". Er spielt in Dresden, wo Schulze aufgewachsen ist, und erzählt von dem "Büchermenschen" Norbert Paulini. Der betreibt zu DDR-Zeiten ein Antiquariat. Doch mit der Wende geht seine Welt kaputt, tonnenweise Bücher aus DDR-Verlagen landen auf dem Müll, er selbst muss sein Geld als Kassierer im Supermarkt verdienen. Ganz bewusst hat Schulze für Paulinis Geschichte einen "legendenhaften, märchenhaften Erzählton" gewählt, eine besonders schöne Sprache, die den Leser oder die Leserin berauscht. Umso größer ist der Schock, wenn man erfährt, dass die Polizei gegen Paulini und seinen Sohn wegen rechtsextremer Gewalttaten ermittelt. Rechtschaffene Mörder? Oder hat auch der Erzähler der Paulini-Legende ein dunkles Geheimnis?

Die Corona-Krise als Chance 

Der Weg von Paulini zum rechten Gewalttäter war "nicht folgerichtig", betont Schulze. Zwar habe die Wende unklare Besitzverhältnisse mit sich gebracht, die in der DDR Millionen Menschen "den Boden unter den Füßen weggerissen hätten". Doch solche Erfahrungen, wie sie auch der Antiquar in seinem Buch macht, müssten nicht notwendigerweise in den Rechtsextremismus führen. Es gehe darum, die Geschichte der frühen Neunzigerjahre in Ostdeutschland neu zu schreiben. Die "naturhafte" Metapher vom "Zusammenwachsen" von Ost und West lehnt Schulze ab. Man müsse zur Kenntnis nehmen, was wirklich passiert sei.

 Die Corona-Krise sieht Schulze auch als eine Chance zum "Innehalten": Man müsse jetzt "kapitalistische Prinzipien zurückstellen", fordert er. "Kliniken, die von Hedgefonds gekauft wurden, sind nicht besonders gut vorbereitet auf so eine Krise." Jetzt gehe es darum, "wieder über die alten Fragen von sozialer Gerechtigkeit zu reden". Das Soziale, so Schulze, werde wieder in den Vordergrund treten.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 25. März, 19.35 Uhr

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