Gleich der erste Roman der jungen Österreicherin wurde als einer der sechs besten deutschsprachigen Romane des Jahres 2019 ausgezeichnet. Raphaela Edelbauer schreibt über Groß-Einland, einen fiktiver Ort im Osten Österreichs, dessen Existenz durch ein großes Loch bedroht ist, in dem verdrängte Geschichte versteckt ist.

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Raphaela Edelbauer
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Die Physikerin Ruth kommt nach dem Unfalltod der Eltern in deren Geburtsort im österreichischen Wechsel-Gebiet und stößt auf eine dystopische Gesellschaft. Kein Bewohner will die Gefahr des bröckelnden Hohlraums wahr haben, Risse werden übertüncht, Geheimnisse verdrängt. Für Raphaela Edelbauers fantastische Geschichte gibt es ein reales geographisches Vorbild: Die österreichische Gemeinde Hinterbrühl, in der Edelbauers Eltern leben und die 20 Kilometer von Wien entfernt ist.

Darürber wird nicht gesprochen

Auch dort tun sich vermutlich durch Gipsauswaschungen immer wieder Löcher im Boden auf. Das sei gar nicht so fern von den Beschreibungen in ihrem Roman "Das flüssige Land", sagt Edelbauer im Interview mit hr-iNFO.

Angst gemacht habe ihr das als Kind nicht, es wurde darüber im Ort geschwiegen, sie sei erst vor wenigen Jahren auf die Geschichte gestoßen. Genauso wie auf die nationalsozialistische Vergangenheit des Ortes Hinterbrühl, in dem sich 1944/45 eines von vielen Nebenlagern des Konzentrationslagers Mauthausen befunden hatte. Heute sind die unterirdischen Stollen des ehemaligen Gips-Bergwerks eine Touristenattraktion.

Fiktion und doch Realität

Raphaela Edelbauer beschreibt die Geschichte, in der sie den Schauplatz Hinterbrühl geographisch in die Wechsel-Region verlegt hat, als hyperreal: "Es ist Realität, weil ich einige österreichische Gemeinden verschmolzen habe. Ich wollte etwas haben, was stellvertretend für ein Gesamtsyndrom steht." Der fiktive Ort Groß-Einland stehe für etwas, was nahezu in jeder österreichischen Gemeinde stattgefunden habe: die Verschüttung nationalsozialistischer Verbrechen.

"Das ist ein ganz klassisches Motiv der österreichischen Literatur, dass aus dem Boden wieder das hervorbricht, was in ihm verscharrt wurde", erklärt Edelbauer. Die Autorin beschreibt im Roman, wie der Nationalsozialismus "wie eine Art Grippe verschleppt wurde", bei der man die Symptome immer nur so schwach wahrnimmt, bis es komplett einsickert ins Volksbewusstsein.

Das Buch "Das flüssige Land"

Die Vereinnahmung kann alle treffen.

Ist auch Edelbauers Hauptperson real? Ist sie selbst das Vorbild für die junge Physikerin Ruth, die in den Sumpf aus Geheimnissen und Verdrängung in der Heimat der Eltern hineinsteigt? Die Figur ist vollkommen konstruiert, sagt die 29-Jährige, die Sprachkunst und Philosophie in Wien studiert hat: "Mich interessiert das überhaupt nicht, mich selbst in meine Werke einzuschreiben."

Jeder habe das Potenzial, von dieser "Heimatlichkeit“ vereinnahmt zu werden, wie sie in Groß-Einland beschrieben ist. Ruth beispielsweise lasse sich sehr in diesen Sumpf hineinziehen: "Ich tue das hoffentlich nicht", sagt Edelbauer. Immerhin habe sie die Dokumente über die Vergangenheit ihres Heimatortes Hinterbrühl,– wenn schon nicht historisch, so doch wenigstens literarisch – in "Das flüssige Land" verarbeitet.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 16.10.2019, 19.35 Uhr

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