Der Autor Tonio Schachinger

Für seinen Romanerstling "Nicht wie ihr" hat sich der Wiener Autor Tonio Schachinger in den Kopf eines Profi-Fußballers gedacht - und damit einen der besten deutschsprachigen Romane des Jahres geschrieben.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Tonio Schachinger – Autor des Romans "Nicht wie ihr"

Das Interview Symbolbild
Ende des Audiobeitrags

Siegertypen mag Tonio Schachinger nicht so gern. Er habe "eher eine Schwäche für Underdogs", erzählt der 27-jährige Wiener am Tag nach der Verleihung des deutschen Buchpreises. Er war immerhin für den Preis nominiert - ein großer Erfolg für ein Romandebüt, auch wenn es nicht zum Sieg reichte. Auch sein Protagonist Ivo, der bosnische Wurzeln hat, sei ein Underdog im Profifußball. Kein Superstar wie Messi, obwohl er in einer Woche so viel Geld verdient wie manch anderer in einem Jahr.  

Schachinger verhandelt in seinem Fußballroman, der eigentlich ein Fußballerroman ist, viele aktuelle Themen: Es geht um Rassismus, um Kapitalismuskritik, um Außenseiter und um ein völlig überkommenes Männerbild. Sein Protagonist ist ein Sexist, aggressiv gegen andere Männer und versteht nicht, wo diese Aggressivität herkommt.

Für den Autor ist Ivo damit ein Beispiel für die derzeit vieldiskutierte toxische Männlichkeit. Gerade im Fußball gebe es noch dieses problematische, patriarchale Männerbild, das sich vor allem in der Homophobie zeige: "Das sieht man schon daran, dass sich niemand outet", sagt er. "In jedem Team müssten eigentlich ein oder zwei Spieler schwul sein. Nur die trauen sich nicht."

"Es geht fast überall um Außenseiter"

Manchen Leser mag Ivo an den österreichisch-serbischen Profifußballer Marko Arnautovic erinnern, der - mit seinem Auto in eine Polizeikontrolle geraten -  gesagt haben soll, dass er das ganze Leben des Polizisten kaufen könne. Auch Schachinger setzt Ivo zu Beginn des Romans genüsslich in einen Bugatti, in dem der seine Männlichkeit zur Schau trägt. "Ich wusste, dass diese Figur so ist und das braucht, und ich habe versucht, mir das vorzustellen", sagt Schachinger.

Er selbst ist noch nie in seinem Leben in einem Sportwagen gefahren, fährt nur mit dem Rad: "Ich weiß aber, für viele Menschen ist das Auto das zentrale Ding in ihrem Leben. Die sparen auf ein tolles Auto, um damit herumzufahren". Sein Traum sei das nicht. "Wenn ich viel Geld hätte, würde ich genauso leben wie jetzt und würde möglichst lange nicht arbeiten."

Schachinger ist als Diplomatensohn in Neu-Delhi geboren und hat seine Kindheit in Nicaragua verbracht, konnte sich im Spanischen besser ausdrücken als im Deutschen. "Der Kulturschock kam, als wir nach Österreich gekommen sind, weil ich nicht so gut Deutsch konnte", erzählt er. Außenseiter sei er deshalb nicht gewesen, die Außenseiterrolle reize ihn aber als Thema. "In fast allem, was Literatur ist, geht es um Außenseiter", so Schachinger. "Es geht sehr selten um Menschen, die in keinem Aspekt ihres Lebens Außenseiter sind."

Das Buch "Nicht wie ihr" von Tonio Schachinger

Noch viel Rassismus in Österreich

Seine Dialoge schreibt Schachinger, der in Wien Germanistik und Sprachkunst studiert hat, in einer typischen Wiener Klangfarbe, verwendet österreichische Ausdrücke wie das Wort "Tschuschen", wenn es um Ausländerfeindlichkeit und die Abwertung von Zuwanderern vom Balkan geht. In Österreich gebe es noch immer enorm viel Rassismus gegenüber Menschen aus Ex-Jugoslawien, sagt er. Damit sei auch sein Romanheld konfrontiert.

Es sei kein klassischer Alltagsrassismus, bei dem man auf der Straße beschimpft werde, erklärt Schachinger - sondern "ein Luxus-Rassismus". Profi-Fußballer mit Migrationshintergrund würden erst ungefragt zum Symbol für Integration gemacht und dann dafür kritisiert, dass sie sich nicht wie Symbolfiguren verhielten. Das sei bei Marko Arnautovic genauso wie bei Mesut Özil.

Sendung: hr-iNFO, 17.10.2019, 19.35 Uhr

Jetzt im Programm