Lars Eidinger als Bertolt Brecht und Meike Droste als seine Frau Helene Weigel in einer Szene des Films "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm"
Lars Eidinger als Bertolt Brecht und Meike Droste als seine Frau Helene Weigel in einer Szene des Films "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" Bild © picture-alliance/dpa

Er ist einer der besten deutschen Schauspieler. Jetzt verkörpert Lars Eidinger im Kino Bertolt Brecht in "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm". Ist es nur eine Rolle für ihn?

Er ist ganz anders als ich ihn mir vorgestellt habe: Lars Eidinger wirkt ruhig und nachdenklich im Interview, ist sehr höflich, fast schüchtern und völlig unprätentiös. Er hat auch keine lackierten Fingernägel, trägt keine Mädchenspangen im Haar oder sonst etwas Auffälliges am Körper. Warum er manchmal mit seinen Outfits irritiert, erklärt er so: "In der Schule hatte ich so Vorbilder wie David Bowie oder Leute, die da sehr experimentierfreudig waren und sehr exzessiv. Ich hab’s mich nie getraut. Ich habe immer Angst gehabt, dass die Mitschüler lachen oder es blöd finden." Er hätte sich damals gerne in diese Richtung ausgelebt, habe es sich aber verboten, erzählt Eidinger. Das hole er jetzt nach. Dahinter stecke aber kein Konzept, "sondern eher der Spaß daran. Mir gefällt es einfach, ich mach’s, weil ich’s schön finde."

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Auf der anderen Seite erlebe er es immer wieder, dass er von Journalisten und Fotografen dazu aufgefordert werde, etwas Verrücktes zu tun. Vor kurzem sei er bei einem Interview, zu dem er in einer bunten Künstlerjacke und kurzer Sommerhose erschienen war, gebeten worden, für ein Foto auf die Fensterbank zu springen. "Und dann steht dann so: Er will auffallen, er zeigt keck Bein und er springt sofort auf die Fensterbank!" Lars Eidinger erzählt noch ein anderes Beispiel, über das er sich aufregen könnte: "Es gibt auch Leute am roten Teppich, die tatsächlich reinrufen: Zeig mal 'nen Stinkefinger! Und aus einem Moment raus, denkt man vielleicht, ich mach’s jetzt und am nächsten Tag ist das Bild in der Zeitung: Lars Eidinger findet den Film zum Kotzen." Er wisse natürlich, das gehöre alles irgendwie zum Marketing dazu, aber er sei ganz anders, meint der Ausnahmeschauspieler. "Keiner meiner Freunde würde über mich sagen, ich bin ein Narzisst, ein Egozentriker und eine Rampensau – alle drei Attribute stimmen einfach nicht. Das sind Images, die einem von außen auferlegt werden. Ich kann damit leben, aber ich hab’s durchschaut sozusagen, und es hat nichts mit mir zu tun."

"Brecht ist ein Held für mich"

2009 gelang Eidinger mit der männlichen Hauptrolle in Maren Ades Berlinale-Beitrag "Alle anderen" an der Seite von Birgit Minichmayr der Durchbruch auf der Kinoleinwand. Davor war er schon ein gefeierter Theaterstar an der Berliner Schaubühne. Seine Paraderollen "Hamlet" und "Richard III" in der Regie von Thomas Ostermeier hat er bis heute hunderte Male gespielt, immer vor ausverkauftem Haus. Aber auch als Filmschauspieler ist der 42-Jährige heute begehrter denn je. In dieser Woche kommt "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" ins Kino – der Film von Regisseur Joachim Lang ist hochkarätig besetzt, unter anderem mit Tobias Moretti, Joachim Król, Claudia Michelsen, Hannah Herzsprung und Lars Eidinger als Bertolt Brecht, der als Erzähler durch die Handlung führt und den Schauspielern Regieanweisungen gibt. Der Film erzählt vom gescheiterten Versuch, die Dreigroschenoper im Sinne ihres Erfinders zu verfilmen – vor dem historischen Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und des aufkommenden Nationalsozialismus.

Lars Eidinger mit Mariela Milkowa
Lars Eidinger mit Mariela Milkowa Bild © hr

Nach der Uraufführung 1928 und dem Welterfolg des Stücks wollte das Kino den gefeierten Autor für sich gewinnen. Doch Brecht war nicht bereit, nach den Regeln der Filmindustrie zu spielen. Der Film von Joachim Lang, einem ausgewiesenen Brecht-Kenner, liefert also die Geschichte zum Film, den es nie gab, und zeigt die Dreigroschenoper, wie man sie noch nie gesehen hat: modern erzählt mit Verfremdungseffekten und Brechungen; die Schauspieler fallen zum Beispiel immer wieder aus ihrer Rolle und sprechen direkt in die Kamera. Ganz im Sinne des Erfinders Brecht also. Lars Eidinger habe vor dieser Rolle großen Respekt gehabt, erzählt er. "Einfach, weil ich ihn so verehre und weil’s tatsächlich ein Held und Idol für mich ist."

"Brecht war kein Zyniker"

Dann habe er aber gemerkt, dass es gar nicht darum gehe, Brecht zu imitieren, sondern ihn zu interpretieren und sich "ganz im Brecht'schen Sinne an dieser Figur abzuarbeiten." Eidinger habe sich der Figur Brecht mit einem analytischen Blick genähert, sagt er. Was ihm dabei in gewisser Weise auch geholfen habe, war, dass sein Text nur aus Original-Zitaten des Dramatikers bestand. Die intensive Auseinandersetzung mit Brecht und der Weimarer Zeit, die erstaunliche Parallelen zu unserer Situation heute aufweise (Banken- und Wirtschaftskrise, Raubtierkapitalismus, Kämpfe zwischen Arm und Reich), hat den Schauspieler sehr nachdenklich gemacht.

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"Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" startet am 13.9. im Kino

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"Dass Brecht Sachen vorhergesehen und beschrieben hat, und die Gesellschaft scheint dazu verdammt zu sein, die immer gleichen Fehler zu machen, das lässt mich tatsächlich ein Stück weit verzweifeln," sagt Lars Eidinger. Aber zugleich sieht er in Brecht auch ein positives Vorbild, das sein Leben nachhaltig verändert hat, "weil Brecht kein Zyniker war, das ist mir jetzt erst bewusst geworden. Er wollte, dass wir uns darauf besinnen, dass es um Liebe geht, und um Menschenliebe, auch sich selber gegenüber, dass man genau nicht zum Zyniker, nicht zum Menschenverachter wird."

Sendung: hr-iNFO, 12.9.2018, 21.35 Uhr

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