Hans-Joachim Schellnhuber
Hans-Joachim Schellnhuber geht in den wohlverdienten Ruhestand. Bild © picture-alliance/dpa

Der deutsche "Klima-Papst" geht nach 27 Jahren als Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in den Ruhestand. Im Gespräch wirft er einen gnadenlos analytischen Blick auf die klimatischen Veränderungen, die schon jetzt nicht mehr aufzuhalten seien.

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zum Artikel Hans Joachim Schellnhuber - Deutschlands renommiertester Klimaforscher

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"Das Weltklima ist dabei, aus den Fugen zu geraten. Das kann man so nüchtern und gleichzeitig so schwerwiegend feststellen." Hans Joachim Schellnhuber spricht bedächtig, unaufgeregt und sachlich. Auch wenn es um beängstigende Entwicklungen geht. "Beim westantarktischen Eisschild sind wir leider der Meinung, dass das irreversible Abschmelzen schon in Gang gekommen ist."

Sind die Kipp-Punkte schon erreicht?

Die gewaltigen Eismassen am Südpol schmelzen ab und lassen den Meeresspiegel ansteigen. Schellnhuber spricht von "Tipping Points", von Kipp-Punkten, nach denen die Entwicklung nicht mehr umzukehren ist. Das heißt: Die Erwärmung der Erde hat dazu geführt, dass das Eisschild im Westen der Antarktis verloren ist. Korallenriffe werden beschädigt, der Golfstrom, der das europäische Klima prägt, wird schwächer.

"Bei den Korallenriffen, den tropischen, ist es zu 90 Prozent der Fall. Beim Golfstrom gibt es erste Zeichen des Abschwächens, aber da sind wir wahrscheinlich noch weit genug von Kipppunkt, vom Tipping Point entfernt", sagt Schellnhuber.

Nur nicht resignieren

Klingt so Alarmismus? Das, was Klimaskeptiker dem Forscher immer wieder vorwerfen? Schellnhuber versucht seit Jahren, Fakten zu liefern, zu erklären. Jetzt muss er erleben, dass zum Ende seiner Zeit beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die große Klima-Wende nicht geschafft ist. "Natürlich ist man wütend, natürlich ist man richtig sauer manchmal", gibt Schellnhuber zu.

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Wenn er "richtig sauer" sagt, klingt das immer noch sanft mit dem bayrischen Akzent, den der in der Nähe von Passau geborene Physiker spricht. Aber es klingt auch keine Resignation durch. Seine Überzeugung ist, dass die wohlhabenden Industrienationen nach wie vor die Mittel haben, eine katastrophale Erderwärmung zu verhindern. "Gerade wenn man so reich ist, ist es absolut möglich, eine hohe Lebensqualität zu erreichen  – sogar eine höhere als wir sie heute haben."           

"Wie ein schmutziges Geheimnis"

Heißt das, das "Zwei-Grad-Ziel", also die Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad über dem Niveau vor der Industrialisierung, ist immer noch zu erreichen? "Ja, die Antwort ist: Selbst das enorm ehrgeizige 'Eineinhalb-Grad-Ziel' ist noch zu erreichen." Wenn wir die Mittel nutzen, die wir haben, sagt Schellnhuber: Aussteigen aus der Kohleverstromung, den Verbrennungsmotor abschaffen, Mobilität, Bauen und die Landwirtschaft verändern. Machbar ist es, sagt Schellnhuber, wenn die Menschen das Problem wieder an sich ranlassen.

"Eigentlich weiß jeder, dass wir das unseren Kindern nicht antun können, was wir tun, aber es wird verschämt wie ein schmutziges Geheimnis weggeschoben. Aber ich glaube schon, dass gerade die deutsche Gesellschaft irgendwann wieder in Bewegung gesetzt werden könnte."

Sendung: hr-iNFO, 15.06.2018, 19.35 Uhr

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