Björn Süfke

Viele Männer hätten nie gelernt, ihre Gefühle wahrzunehmen und über sie zu sprechen. Deshalb dauere es oft viel länger, bis sie sich Hilfe holen, wenn es ihnen schlecht gehe, sagt Markus Süfke. Wenn sie es dann tun, landen sie vielleicht bei ihm. Im Interview spricht der Männertherapeut über schädliche Rollenbilder, Folgen toxischer Männlichkeit und die Therapie mit Männern.

Dass zu einem Männertherapeut nur Männer kommen, versteht sich von selbst. Aber was sonst zeichnet einen Therapeuten nur für Männer aus? Warum braucht man das? Nun: Die Spezies Mann ist eine sehr zurückhaltende, wenn es um den Besuch beim Psychologen geht. Männer reden nicht gern über Gefühle, sagt Männertherapeut Björn Süfke. Und der muss es wissen.

Seit 20 Jahren arbeitet Süfke therapeutisch und beraterisch mit Männern. Sie kommen zu ihm wegen Partnerschaftsproblemen ("häufig erst, wenn die Partnerschaft beendet ist"), Ängsten oder Depressionen. Nichts ganz anderes also als bei Frauen auch. Männer bräuchten jedoch länger, bis sie sich eingestehen, dass sie Unterstützung benötigten, sagt Süfke, das sei auch wissenschaftlich bewiesen: "Bei Männern dauert es im Durchschnitt sechs bis sieben Mal länger, bis sie sich Hilfe holen."

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"Das Interview" mit Björn Süfke als Podcast

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Das Problem ist ein bestimmtes Männerbild

Und das liege auch daran, dass das Sprechen über Gefühle "nichts ist, was uns mitgegeben wurde", sagt Süfke. Mehr noch: "Es wurde uns in der Kindheit sukzessive abtrainiert, Gefühle zu hören und wahrzunehmen." Besonders gelte das für belastende Gefühle wie Trauer, Angst, Hilfslosigkeit, Scham ... Dabei hätten Männer genauso viele Gefühle wie Frauen auch.

Das Problem, sagt Süfke, sei ein bestimmtes, traditionelles Männerbild, das sich noch immer in der Gesellschaft halte. "Männer weinen nicht". Männer sind Familienoberhaupt, Fels in der Brandung, Indianer ohne Schmerz. Es sei denn, die Eintracht verliert, oder der FC Bayern, je nach Vorliebe. Süfke will Fußball aber nicht verstanden wissen als "letzte Männerdomäne". Es sei eher ein Ventil, um Gefühle wahrnehmen und zeigen zu dürfen. Seine eigene Liebe zum Fußball jedenfalls rühre genau daher, sagt Süfke: Beim 2:2 nämlich im WM-Finale 1986 gegen Argentinien seien er und sein Vater aufgesprungen und hätten sich umarmt – "ich glaube, länger als jemals zuvor."

Umgang mit Männern in der Therapie

Dass er beruflich das wurde, was er ist, hänge wohl ebenfalls mit seiner Jugend zusammen, vermutet Süfke: Dass er als "schmalschultriges, brilletragendes Weichei" von einem großen, kräftigen Kerl erpresst worden sei und erlebt habe, was falsch verstandene Männlichkeit anrichten könne, habe "sicherlich dazu beigetragen, dass ich dann irgendwann, als ich im Studium einfach auch Zugang hatte zu diesen Themen, mich ganz stark damit beschäftigt habe."

Wenn Männer heute in seine Praxis nach Bielefeld kommen, müsse er langsam und behutsam mit ihnen umgehen, sagt Süfke. Und auch ein bisschen konfrontativ. Eben weil viele Männer gelernt hätten, Gefühle abzuwehren. "Also ich kann mich sozusagen nicht zurücklehnen und darauf warten, dass er seine Probleme, seine Gefühle, seine Schwächen von sich aus offenbart. Sondern ich muss ein bisschen direktiver rangehen, also ihn auch mal deutlicher konfrontieren beispielsweise mit Gefühlen, die ich schon wahrnehme bei ihm, er sitzt da aber teilweise noch ganz ungerührt, während er etwas erzählt."

Gefühle haben psychologische Funktion

Und warum das alles? Gefühle seien kein Selbstzweck, sagt Süfke, sie hätten eine psychologische Funktion. "Angst hat eine Bedeutung, Liebe, Trauer - all diese Gefühle liefern wichtige Informationen." Und wenn man sie nicht hören könne, habe das zwei fundamentale Konsequenzen: Zum einen fehlten oft wichtige Informationen darüber, wie man sein Leben gestalten wolle. Zum anderen führe es dazu, dass eine Abwehrstruktur aufgebaut werde. Und die mache "buchstäblich krank. Das führt dann ganz logisch dazu, dass wir Männer bei Suchterkrankungen überrepräsentiert sind, dass bei wir bei Selbstmorden überrepräsentiert sind und dass wir früher sterben."

Toxische Männlichkeit - für Süfke ein Synonym für ein traditionelles Männerbild - klingt so gleich ganz anders: als eine Konstruktion von Männlichkeit nämlich, unter der die Männer selbst leiden. Allerdings durchaus mit toxischen Folgen auch für andere. Denn ebendieses Rollenbild führe auch dazu, dass Männer in Machtpositionen kämen - Trump etwa, Erdogan oder Putin -, "die sehr starr toxische Männlichkeitskonstruktionen verfolgen – mit wahrnehmbaren, negativen Auswirkungen auf die Welt."

Wann ist der Mann ein Mann?

Dass mit Kevin Kühnert oder Robert Habeck nun Männer auf die politische Bühne treten, die auch mal sagen: "Das weiß ich nicht", die zu Gefühlen wie Scham und Schuld stünden, sei ermutigend, meint Süfke. Es zeige auch, dass wir uns in einer Übergangsphase befänden – zwischen einem traditionellen und einem modernen männlichen Rollenbild.

Aber wie sieht er eigentlich genau aus, dieser morderne Mann? Stark und verletzlich, erfolgreich und verständnisvoll, männlich, aber emanzipert ....? Nein, sagt Süfke. Oder besser: Nur, wenn er will. Es gehe nämlich genau darum nicht, eine neue Anleitung zum Mannsein zu erfinden – "das wäre sozusagen alter Wein in neuen Männern." Es gehe darum, den Druck zu nehmen, perfekt sein zu müssen. Es gehe um "männliche Versagenskultur". Und vor allem gehe es darum, sich zu "emanzipieren von den Anforderungen, die an mich von außen gestellt werden. Wegzukommen davon, wie andere mich wollen, wie die Gesellschaft mich sehen will, hin zu dem, wie ich eigentlich bin – egal, wie viel Traditionelles oder wie viel Modernes das enthält." Das gelte übrigens nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen.

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Das Interview führte Christoph Scheld.

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