Mai Thi Nguyen-Kim
Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim Bild © picture-alliance/dpa

Sie ist Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin und ein YouTube-Star: Mai Thi Nguyen-Kim versteht es, komplexe Inhalte leicht verständlich und unterhaltsam zu vermitteln. Sie sagt: In Zeiten von Fake News und "gefühlten Wahrheiten" müssen sich Wissenschaftler mehr einmischen.

In Ihrem Buch "Komisch, alles chemisch!" bringt sie es auf den Punkt: "Als Chemikerin fühle ich mich mit der Chemie manchmal wie eine Mutter mit einem hässlichen Kind, dessen Schönheit nur ich alleine sehen kann", schreibt Mai Thi Nguyen-Kim. Sie weiß natürlich, dass viele beim Thema Chemie gleich abschalten, aber dann legt sie erst recht los und hält ein leidenschaftliches Plädoyer für Ihr Fach: "Chemie ist ein Schlüssel zu einer unsichtbaren Welt, nämlich zu der Welt der Moleküle – also zu dem Stoff, aus dem wir alle bestehen", sagt sie.

Audiobeitrag
Das Interview Symbolbild

Podcast

Zum Artikel Mai Thi Nguyen-Kim – Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin

Ende des Audiobeitrags

Ihr Vater, der auch Chemiker ist, begeisterte sie schon als junges Mädchen für das Fach. Chemie spreche die ganz natürliche, menschliche Neugier an, glaubt sie, "nur braucht man die richtige Sprache dafür." Sie hat offenbar die richtige Sprache gefunden, um vor allem auch junge Leute für Naturwissenschaften zu begeistern.

Dabei versteht sie es, zugleich zu unterhalten und zu informieren. "Ich stelle mir Wissenschaftsjournalismus oder Wissensvermittlung vor wie eine Zwiebel", sagt Nguyen-Kim: "Im Innern kann man viele Details vermitteln, aber erreicht nur wenige Leute. Im Äußeren muss man halt recht oberflächlich sein, aber erreicht viele." Jede Schicht der Zwiebel sei wichtig, findet sie. Eine gute Wissensvermittlung müsse "die Leute erst mal abholen, Interesse wecken und dann reinziehen ins Innere der Zwiebel."

YouTube statt Chemie-Labor

Nguyen-Kim wurde im südhessischen Heppenheim geboren, ihre Eltern stammen aus Vietnam. Sie bezeichnet sich selbst als "Nerd" und gesteht, dass sie früher in der Schule eine Streberin gewesen sei. Das habe aber nichts mit ihren asiatischen Eltern zu tun gehabt, die nicht sehr traditionell gewesen seien und sie nie unter Druck gesetzt hätten. Sie habe sich selbst motiviert, von sich aus gern gelernt, deswegen habe sie auch "sehr gelitten unter dem Klischee der Tiger Moms". Nerd sein heißt für sie, "Spaß daran zu haben, Sachen zu verstehen und auch die Bereitschaft, sich sehr lange mit etwas zu beschäftigen".

Die 32-Jährige hat an renommierten Universitäten in Deutschland und den USA Chemie studiert und geforscht, arbeitet aber schon seit einiger Zeit nicht mehr im Chemie-Labor, sondern hat sich der Wissenschaftsvermittlung verschrieben. Als Nachfolgerin von Ranga Yogeshwar moderiert sie im WDR-Fernsehen das Wissensmagazin "Quarks" und begeistert im Internet eine große Fangemeinde mit ihrem YouTube-Kanal "MaiLab". Das ist ein Format von "funk", dem jungen Online-Angebot von ARD und ZDF.

Komplexe Themen verständlich erklärt

In ihren Videos erklärt sie sehr alltagsnah und mit viel Humor wissenschaftliche Erkenntnisse und nimmt Mythen auseinander – egal ob es um Fluorid in der Zahnpasta, Insektensterben oder Ernährungsfragen geht. Dafür wurde sie 2018 unter anderem mit dem "Grimme Online Award" ausgezeichnet und erhält in diesem Jahr für ihre Arbeit als Wissenschaftsjournalistin zusammen mit Harald Lesch den "Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis". Nguyen-Kim ist überzeugt: In Zeiten von Fake News und "gefühlten Wahrheiten" müssen sich Wissenschaftler mehr einmischen in gesellschaftliche und politische Debatten.

Weitere Informationen

Buchtipp

Mai Thi Nguyen-Kim
"Komisch, alles chemisch!"
Droemer Verlag
16,99 €

Ende der weiteren Informationen

Ein aktuelles Beispiel ist für sie die Diskussion über die Zeitumstellung. Nach einer Bürgerbefragung hatte das EU-Parlament Ende März 2019 mit einer großen Mehrheit für eine Abschaffung der Zeitumstellung ab dem Jahr 2021 gestimmt. Damit die Umstellung tatsächlich abgeschafft werden kann, muss allerdings noch ein Kompromiss mit den Mitgliedsstaaten erzielt werden. Nach dem Willen des Parlaments soll jeder Mitgliedsstaat selbst entscheiden können, ob er eine dauerhafte Winter- oder Sommerzeit einführen will. 

Auf die innere Uhr und die Wissenschaft hören

Nguyen-Kim hält das für keine gute Idee, denn eine dauerhafte Sommerzeit klinge zwar zunächst mal gut, würde aber bei uns allen für chronischen Schlafmangel sorgen. "Was man vergisst, ist, wenn man die Sommerzeit mit in den Winter nimmt, dann ist es im Winter morgens noch dunkler – und unsere innere Uhr, unsere Biologie braucht morgens Licht." Man sollte bei der Debatte um Sommer- oder Winterzeit Chronobiologen und Schlafforscher und deren Erkenntnisse mit einbeziehen, fordert Nguyen-Kim, denn "unsere Gesellschaft wäre umso leistungsfähiger, je besser wir nach unserer biologischen inneren Uhr leben können."

Videobeitrag
Mai Thi Nguyen-Kim

Video

zum Video Zeitumstellung: "Gut informieren, bevor wir eine Entscheidung treffen"

Ende des Videobeitrags

Die preisgekrönte Wissenschaftsjournalistin arbeitet auch als Dozentin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe, dort gibt sie Seminare für junge Forscherinnen und Forscher. Diese Aufgabe ist ihr sehr wichtig, denn in ihren Augen fehle es an "Dolmetschern zwischen dem Expertenwissen und der Entscheidungsmacht in der Politik". Wer politische, juristische und gesellschaftliche Entscheidungen treffen müsse über Gentechnik oder Klimawandel beispielsweise, müsse gut informiert werden. In Zeiten von Fake News sei es wichtiger denn je, "dass die Wissenschaft mit Selbstvertrauen auch die Rolle eines Schiedsrichters einnehmen kann."

Weitere Informationen

Das Interview...

... in der Übersicht.
... als Podcast.

Ende der weiteren Informationen
Jetzt im Programm