Genau 30 Jahre ist Deutschland wiedervereinigt. Doch was verbindet die Menschen in diesem Land heute? Publizist Max Czollek veranstaltet pünktlich zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit die "Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur".

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Max Czollek
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Die Berliner Siegessäule ist eigentlich ein Minarett. Die Grünanlage drumherum hat die Form eines Davidsterns. Das ist eine satirische Vision von Berlin, die der Dichter Max Czollek in diesen Tagen verbreitet. Czollek dreht den Spieß um und macht die Kulturen der Minderheiten in Deutschland zur Leitkultur. "Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur" nennt er sein bundesweites Bühnenprogramm, das er bewusst zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung startet.

Den Ausgeschlossenen eine Stimme geben

"Von dieser Erzählung der fröhlichen Wiedervereinigung bleiben ganz viele Erfahrungen und viele Teile dieser Gesellschaft ausgeschlossen", erklärt Czollek. "All diejenigen, die den Mauerfall, die Wiedervereinigung und die darauffolgende Zeit nicht als große Freude und Erleichterung erlebt haben, sondern als Zunahme rechter Gewalt und rechten Terrors." Und genau denen will Czollek eine Stimme geben.

Afrodeutsche Stimmen sollen zu hören sein, türkisch- und vietnamesischstämmige, muslimische und jüdische Stimmen. Festgefügte Rollen in der Gesellschaft will Czollek ironisch in Frage stellen - nach dem Motto: "Wenn wir eure Juden sein müssen, dann seid ihr auch unsere Kartoffeln!"

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Veranstaltunshinweis

Die bundesweiten "Tage der jüdisch-muslimischen Leitkultur" finden vom 3. Oktober bis 9. November 2020 statt. Alle Infos dazu gibt es hier.

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Unterschiede gehören zur Demokratie

Czollek wurde 1987 in Ostberlin geboren. Sein Großvater war als Jude und Kommunist im KZ. "Die Erfahrung, kämpfen zu müssen, lag in meiner Familie", sagt er. Czollek studierte Politikwissenschaft, promovierte über Antisemitismus, macht Theater, schreibt Gedichte und Essays. "Desintegriert Euch!" hieß sein viel beachteter Aufruf, die Integrationsforderung der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu verweigern.

Denn eine demokratische Gesellschaft müsse gerade die Unterschiede, die Differenz aushalten. Stattdessen aber werde der Nationalismus wieder zur Normalität in Deutschland, rassistische und antisemitische Gewalt wie in Halle oder Hanau als Einzelfall oder Alarmsignal verharmlost. "Wann erkennen wir an, dass es sich da nicht um Einzelfälle handelt und auch nicht um überraschende Dinge, sondern dass sich hier Kontinuitätslinien zeigen, mit denen man sich endlich mal befassen muss?"

Zukunft für beide oder für niemanden

Czollek will der rechten Gewalt nicht weichen, auch wenn er als Jude aufgewachsen sei mit der Frage: Wann ist es wieder so weit, dass wir das Land verlassen müssen? "Vielleicht - so wie es gerade aussieht - brennen das nächste Mal zuerst die Moscheen. Aber dann brennen auch wieder die Synagogen." Auch deshalb sei ihm die Idee einer jüdisch-muslimischen Leitkultur so wichtig. An den Anschlägen von Halle und Hanau sei klar geworden, "dass es entweder eine Zukunft für Juden und Muslime gleichermaßen in Deutschland gibt oder für keinen von beiden".

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Neuer Essayband

Von Max Czollek ist gerade der Essay-Band "Gegenwartsbewältigung" erschienen (Hanser Verlag), den er am 14. Oktober 2020 im Jüdischen Museum Frankfurt vorstellt.

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Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 30.09.2020, 21.35 Uhr

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