Mirna Funk

Sie pendelt zwischen Tel Aviv und Berlin und ihre Romanfiguren tun es auch. Die Schriftstellerin Mirna Funk und ihre Heldinnen suchen sich selbst im Sehnsuchtsland Israel - und treffen auf einen Ort, der auch nicht perfekt ist.

Seit anderthalb Jahren war sie nicht mehr in Tel Aviv. Alle Flüge, die sie gebucht hatte, wurden gecancelt - wegen Corona. Mirna Funk sitzt in Berlin fest und es fehlt ihr "alles - Wärme und Sonne, Sand und Meer, Freunde und Familie, im Port Said essen gehen". Dabei gehört das Pendeln zwischen beiden Städten zu ihrem Leben. "Berlin ist cool, meine Heimat, ich liebe Berlin", sagt Mirna Funk. Doch in Tel Aviv fühle sie sich "sicher" und "verstanden".

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Die Sehnsucht nach Israels Metropole am Mittelmeer teilt Mirna Funk mit ihren Romanfiguren: junge Frauen in Berlin mit DDR-Familienhintergrund und irgendwie jüdischer Identität. Was genau die bedeutet, wollen sie in Tel Aviv herausfinden - ein Ort der Sehnsucht, mit dem sie große Erwartungen verbinden. "Jeder Sehnsuchtsort hat das Potenzial, dass man auf ihn ganz viele Wünsche projiziert", sagt Mirna Funk. Was folgt, ist oft die Enttäuschung, "wenn man dann da ist und er gar nicht mehr so schön ist".

Hadern mit Deutschland

Im neuen Roman von Mirna Funk ("Zwischen Du und Ich", gerade erschienen bei dtv) ist es Nike aus Berlin, die in Tel Aviv arbeiten und nach Israel einwandern will. Sie verliebt sich in Noam, einen Menschen, der wie sie selbst unter einem Familien-Trauma leidet: Beide sind Nachfahren von Holocaustüberlebenden. Können sich Nike und Noam gegenseitig helfen, damit zu leben? "Ja", sagt Mirna Funk, "Menschen suchen im anderen sich selbst und auch Erlösung von sich selbst."

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Mirna Funk:
"Zwischen Du und Ich"
dtv

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Mirna Funk, die 1981 in Ost-Berlin geboren wurde, hatte vor einigen Jahren den Wunsch, ganz nach Israel zu gehen. Wie ihr jüdischer Vater "haderte" sie mit Deutschland: "Ich habe Verschiebungen in der Gesellschaft gespürt, war konfrontiert mit Antisemitismus am Esstisch." Doch dann kam ihre Tochter zur Welt, ihr erster Roman erschien in Deutschland, die Karriere als Autorin ließ sich nicht einfach in ein anderes Land verpflanzen. Also zurück nach Berlin. Jetzt wünscht sich Mirna Funk, dass Tel Aviv auch für ihre Tochter so etwas werden kann wie ein "zweiter Heimat-Ort".

Über die Vielfalt jüdischen Lebens reden

Neben ihren Romanen schreibt Mirna Funk Kolumnen, unter anderem für "Cosmopolitan" und die "Vogue" - und das nicht nur über jüdische Themen. In diesem Jahr engagiert sie sich aber auch als Moderatorin eines Podcasts für das Jubiläumsprogramm "1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland", das auf die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Köln im Jahr 321 zurück geht. "Die Unwissenheit zu jüdischem Leben ist enorm groß", sagt Mirna Funk. Vielen Jugendlichen falle zum Stichwort Judentum nur "Hitler, sechs Millionen und KZ" ein.

Klar müsse man über den Holocaust und die Kontinuität des Antisemitismus in Deutschland reden. Aber bitte auch über die Vielfalt jüdischen Lebens heute, dazu will sie beitragen. "Ich finde es nicht schlimm, über Juden in Deutschland zu schreiben", sagt Mirna Funk. "Wer soll es sonst tun? So viele gibt's von uns ja nicht mehr." Sie sagt das mit einem Lachen, das gar nicht bitter klingt.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 3.4.2021, 10:05 Uhr

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