Mehmet Daimagüler
Mehmet Daimagüler Bild © picture-alliance/dpa

Bald soll das Urteil im NSU-Prozess gesprochen werden. Wie hat es den Mann verändert, der die Angehörigen der Opfer vertreten hat?

Was es für seine Mandanten bedeutet hat, diesen Prozess durchzustehen, das kann er nur ahnen, sagt Mehmet Daimagüler. Denn den Schmerz, den eigenen Vater oder Bruder durch einen Mord verloren zu haben, den könne man sich nicht vorstellen. "Großen Respekt" habe er vor den Witwen und Halbwaisen, die im Prozess "nur einen Meter von den mutmaßlichen Mördern ihrer Liebsten" entfernt gesessen hätten und alles "mit so einer stillen Würde ertragen" hätten.

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Daimagüler vertritt die Geschwister von Abdurrahim Özüdogru und die Tochter von Ismail Yasar. Beide Männer wurden in ihren Läden in Nürnberg erschossen. Zwei Mal seien sie Opfer des Rassismus geworden – durch den Mord selbst und durch die anschließenden Verdächtigungen der Polizei – etwa gegen Ismail Yasar und seine Familie. Am Tag seiner Ermordung seien in Yasars Dönerladen Drogenspürhunde aufgetaucht, der nahegelegene Spielplatz sei nach Drogen abgesucht worden, berichtet Daimagüler. "Das hätte man ja nicht gemacht, wenn der Tote Meier, Müller oder Schmidt geheißen hätte!", sagt er.

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„Auch der Staat hätte auf die Anklagebank gehört.“ Zitat von Mehmet Daimagüler
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Die Ermittlungsfehler der Polizei seien "keine Pannen" gewesen, sondern Ausdruck von "institutionellem Rassismus", davon ist Mehmet Daimagüler überzeugt. Und den kennt er, der als Sohn türkischer Einwanderer im Siegerland geboren wurde, auch aus eigener Erfahrung. Trotz Ausgrenzung und Diskriminierung schaffte er den Weg von der Hauptschule bis an die US-Elite-Uni Harvard, arbeitete schon mit Anfang zwanzig für verschiedene FDP-Politiker im Bundestag, war lange Jahre selbst Mitglied im FDP-Bundesvorstand. Das war schon die Zeit, als die Ceska-Mordserie immer wieder türkische Opfer forderte. Doch Daimagüler schwieg, obwohl er den rassistischen Hintergrund der Taten ahnte.

"Ich hätte ja einfach mal den Innenminister von NRW ansprechen können oder einen der Abgeordneten. Aber ich habe das nicht gemacht und dafür schäme ich mich", bekennt Daimagüler. Feigheit und Opportunismus seien die Gründe gewesen, er wollte ja noch Karriere machen in der FDP. Da sei es eben nicht gut angekommen, wenn ein türkischstämmiges Parteimitglied dauernd den Rassismus zum Thema machen wollte. 2007 trat Daimagüler aus der FDP aus.

Seine Mandanten leben weiter mit der Angst

Mit der Nebenklage-Vertretung im NSU-Prozess hatte er endlich Gelegenheit, seine Versäumnisse – wie er sagt – durch "tätige Reue" wiedergutzumachen. "Zum ersten Mal in meinem Berufsleben habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen", sagt Daimagüler. Und so stellte er zusammen mit seinen Nebenklage-Kollegen die Fragen, die im NSU-Prozess sonst keine Seite stellte. Denn nicht nur um die Schuld von Beate Zschäpe und ihrer vier Mitangeklagten sei es hier gegangen. "Als sechster Angeklagter hätte der Staat auf die Anklagebank gehört", meint Daimagüler.

Die wichtigsten Fragen habe der NSU-Prozess nicht beantworten können: "Wie groß war oder ist der NSU wirklich? Welche Rolle haben die Verfassungsschutzbehörden und ihre V-Leute gespielt? Und wie gehen wir aus den Erfahrungen des NSU lernend mit dem Problem des institutionellen Rassismus um?" Auch wenn Beate Zschäpe vom Gericht als Mörderin verurteilt werde, seine Mandanten – so Daimagüler – müssten weiter mit der Angst leben, dass viele Helfer des NSU-Trios unentdeckt geblieben sind – auch in ihrer Nachbarschaft.

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Buchtipp

Mehmet Daimagüler: "Empörung reicht nicht! Unser Staat hat versagt. Jetzt sind wir dran", Lübbe, 18 Euro.

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Sendung: hr-iNFO, 20.6.18, 19.35 Uhr

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