Petra Gerster

Als die ehemalige ZDF-Moderatorin Petra Gerster eine gendergerechte Sprache bei den Fernsehnachrichten einführte, gab es einen Aufschrei der Entrüstung. Heute ist die Grand Dame der „heute“-Nachrichten im ZDF im Ruhestand. Doch das Thema hat sie nicht losgelassen.

Zusammen mit ihrem Mann Christian Nürnberger schrieb Petra Gerster das Buch "Vermintes Gelände". Es handelt von der Frage, wie der "Krieg um Wörter" unsere Gesellschaft verändert. Wir haben mit ihr übers Gendern, die Aufregung darüber und sprachlichen und gesellschaftlichen Wandel gesprochen.

hr-iNFO: Sie haben als erste Nachrichtenpräsentatorin im deutschen Fernsehen eine gendergerechte Sprache genutzt und beispielsweise von Politiker*innen gesprochen. Sie haben dafür Lob und Respekt bekommen, aber auch ganz viel Hass. Was sagen Sie heute: Warum hat das noch vor einem Jahr so viele Menschen so sehr aufgeregt? 

Gerster: Ja, ich glaube, das tut es noch bis heute. Und das ist das Zeichen, dass da offenbar eine tiefsitzende Angst vorhanden ist - die Angst, auf lange innegehabte Privilegien verzichten zu müssen. Und das Privileg besteht darin, dass bei uns eben der, ich sage jetzt mal: der weiße Mann sozusagen, die Macht innehat. Und allein dadurch, dass diese sprachliche Form des generischen Maskulinum - also die Pluralform, in der nur Männer aufscheinen - dass die nun abgeändert wird und eine weibliche Endung drangehängt wird, das scheint schon für viele ein Anzeichen zu sein, dass sich in dieser Gesellschaft etwas massiv verändert. Und das tut es ja auch tatsächlich. Also wir leben eben nicht mehr in der rein weißen, männlich dominierten Gesellschaft der 50er und 60er-Jahre. Sondern wir leben jetzt in einer viel bunteren, gemischteren Gesellschaft: multi-ethnisch, multi-kulturell, aber auch natürlich in einer Gesellschaft, in der auch viel mehr Frauen mitsprechen - Gott sei Dank - und auch das Sagen haben teilweise. Und das macht vielen älteren Männern vor allem Angst. 

Eine Form des Anstands und der Höflichkeit

hr-iNFO: Also geht es aus Ihrer Sicht nur vordergründig um Sprache, eigentlich steckt aber dahinter so eine Art Ventil für alles, was einem an gesellschaftlicher Veränderung gerade nicht passt? 

Gerster: Ich glaube, ja. Mein Mann sagt immer, wer lange nicht wusste, was jetzt eigentlich noch konservativ ist, für den ist das Gendersternchen sozusagen eine Art Fix-Sternchen geworden, um das sich wie eine Standarte alle versammeln können, die nicht wollen, dass sich unsere Gesellschaft so ändert, wie sie sich ändert. Aber das kann gar niemand aufhalten, weil (…) zurzeit leben wir in einer besonders spannenden Umbruchphase, finde ich, in der sich vieles Bahn bricht und vieles bewusst wird, was lange unterm Deckel gehalten wurde. Eben die viele Migrant*innen, die bei uns leben, Minderheiten, auch sexuelle Minderheiten, die sich nun auch dank der sozialen Medien Gehör verschaffen können, auch lautstark Gehör verschaffen können. Die ändern natürlich alle diese Gesellschaft mit, und das ist ganz klar, dass die Sprache sich da auch mit verändern muss. 

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Petra Gerster übers Gendern: "Sollten uns von diskriminierenden Wörtern verabschieden"

Petra Gerster
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hr-iNFO: In der aktuellen Debatte sind nicht alle, die die gendergerechte Sprache kritisieren, Hater. Hinter einem Aufruf vom "Verein Deutsche Sprache" haben sich auch viele renommierte Persönlichkeiten versammelt. Können Sie verstehen, dass bei aller Veränderung unseres Lebens, die ja ohnehin schon passiert, viele sagen: Diese Veränderung der Sprache auch noch obendrauf - das ist mir jetzt zu viel?

Gerster: Ja, kann ich verstehen. Sprache ist etwas Konservatives. Wir sind mit Sprache aufgewachsen von klein auf und halten an der Sprache, wie wir sie gewöhnt sind, auch gerne fest und wollen uns da nicht von liebgewordenen Gewohnheiten trennen. Das verstehe ich vollkommen. Ich gehöre ja auch zur älteren Bevölkerung und ich würde auch niemandem aufzwingen wollen zu gendern. Das ist ja jedem unbenommen, so zu sprechen, wie er oder sie es möchte. Wovon wir uns nur verabschieden sollten, sind diskriminierende Wörter. Und das geht eben auch einher mit einer geschlechtersensiblen Sprache, dass man überhaupt sensibler reagiert auf die Befindlichkeiten von Minderheiten - und es nicht wie Frau Wagenknecht als "Marotte" abtut irgendwelcher Minderheiten, "skurriler Minderheiten" hat sie glaub ich geschrieben in ihrem Buch, sondern dass man es sehr ernst nimmt, wenn Menschen sich diskriminiert und beleidigt fühlen. Ich finde, das ist einfach eine Form des Anstands und der Höflichkeit. 

Noch vieles aufzuholen

hr-iNFO: Direkt zum Start in den Unruhestand haben sie gemeinsam mit Ihrem Mann Christian Nürnberger ein Buch geschrieben: "Vermintes Gelände - wie der Krieg um Wörter unsere Gesellschaft verändert". Da geht es Ihnen um weit mehr als ums Gendern. Es geht Ihnen auch darum, Chancen aufzuzeigen. Wie kommen wir denn als Gesellschaft Ihrer Meinung nach wieder zusammen, zumindest beim Thema Sprache? 

Gerster: Auch das ist wirklich ein guter Punkt. Und es war im Grunde das Hauptmotiv, dieses Buch zu schreiben, denn wir sind ja keine Aktivisten, die jetzt vehement eben für bestimmte Sprachformen oder politische Korrektheit eintreten, sondern wir sind einfach nur sehr offen und sehr neugierig. Das gehört sozusagen zur DNA des Journalisten oder der Journalistin dazu. Und vor allem war unser Motiv auch, so eine Art Brücke zu bauen. Also richtet sich unser Buch natürlich nicht an die Minderheiten. Die verfechten ihre Anliegen und ihre Forderungen schon lange selber. Die brauchen uns nicht dazu, sondern unser Buch richtet sich tatsächlich an unsere Generation, also an die ältere weiße Bevölkerung, die sich damit bisher noch nicht so auseinandergesetzt hat. Und wir versuchen, sie da abzuholen und ihnen begreiflich zu machen, warum es gut sein könnte, auch darauf zu achten, dass sich Menschen in unserer Gesellschaft mit gemeint fühlen und mit angesprochen fühlen. 

hr-iNFO: Es geht bei der Art, wie wir Sprache benutzen, ja auch darum, wie wir zum Beispiel Frauen wahrnehmen, wie sie öffentlich dargestellt werden. Das war Ihnen ja schon immer ein Anliegen, 1989 sind Sie zum Beispiel Redaktionsmitglied beim damals ersten bundesweiten Frauenmagazin "ML, Mona Lisa" geworden. Was hat sich denn über die Jahre hinsichtlich der Rolle von Frauen in den Medien getan aus Ihrer Sicht? 

Gerster: Na, es hat sich schon viel getan. Als ich jung war, also weit vor Mona-Lisa, wurde ich selber noch als "Fräulein" angesprochen zum Beispiel. Da war ich mit zwölf auch noch stolz darauf,  weil ich mich dann plötzlich erwachsen fühlte, aber kurze Zeit drauf - mit 13, 14 - wurde mir schon klar, dass das eine Form der Diskriminierung ist, die meinen Schulfreunden als Männern nicht passierten, weil sie schon mit Herr angesprochen wurden und hatten noch kaum Bartwuchs. Also, da merkte man schon: Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Frauen sind sozusagen ohne Ehemann an der Seite nicht für voll zu nehmen oder man zeigt ihren Status sozusagen qua Anrede schon: "auf dem Heiratsmarkt noch verfügbar". Und ja, das hat mich zum Beispiel auch früh geprägt. Das wurde ja dann auch relativ früh schon abgeschafft. Und auch damals wurde übrigens heiß diskutiert über das Fräulein und viele sagten "ein Verlust für die deutschen Sprache" und so ähnliche Argumente wie heute.

Aber ich mache an diesem Beispiel nur deutlich, dass sich eben daran auch sehr vieles geändert hat, weil heute eben ganz junge Frauen im Bundestag sitzen oder Umweltbewegungen anführen, in unseren Fernsehnachrichten erscheinen und selbstbewusst und selbstbestimmt in diesem Land Politik mitgestalten. Das war zu meiner Zeit, als ich jung war, noch undenkbar. Das gabs einfach gar nicht. Und als ich anfing zum Beispiel in der "heute"-Redaktion waren wir zehn Prozent Frauen ungefähr. Und als ich jetzt aufhörte war das Verhältnis fifty-fifty. Das spiegelt sich nicht in der Hierarchie wieder, da ist es noch eindeutig männlich dominiert. Aber auf der Redaktions-Ebene ist inzwischen das Verhältnis ausgeglichen, und das ist schon ein großer Fortschritt. Aber das ist nicht überall so. Also gerade auch im Bundestag, in der letzten Legislatur und so, waren die Frauen ja sehr, sehr viel rarer gesät. Jetzt sind es wieder etwas mehr geworden, aber da ist auch noch viel aufzuholen, bis wir da Parität haben - von Führungspositionen in Unternehmen und ganz zu schweigen.

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Das Interview führte Christoph Scheld.

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