Sabine Hossenfelder
Die Frankfurter Physikerin Sabine Hossenfelder. Bild © Jörg Steinmetz

Physik ist eine exakte Wissenschaft. Das haben wir zumindest in der Schule gelernt. Die Frankfurter Physikerin Sabine Hossenfelder beurteilt das etwas anders.

Physik ist eine exakte Naturwissenschaft – mit klaren Gesetzen, die sich in mathematischen Formeln ausdrücken und in Experimenten überprüfen lassen. Davon sind wir überzeugt, so haben wir es in der Schule gelernt. Die Physikerin Sabine Hossenfelder vom Frankfurt Institute for Advanced Science (FIAS) der Goethe-Universität erschüttert diese Überzeugung: Viele Physiker ließen sich von "Schönheit" verführen, behauptet Hossenfelder, von der Eleganz einer Formel, vom ästhetischen Reiz einer Theorie.

Aus Schönheit einen Glauben machen

Und so entwickelten sie immer fantastischere Theoriegebäude, die sich nicht mehr überprüfen ließen. Auch nicht mit immer teureren Teilchenbeschleunigern, wie sie gerade am Genfer Forschungszentrum CERN geplant werden. Dahinter stecke die alte Sehnsucht, in den Naturgesetzen eine göttliche Ordnung zu erkennen, meint Hossenfelder. Heutige Physiker hätten aus der Idee von der Schönheit "einen neuen Glauben gemacht".

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Die Kritik an ihren Physiker-Kollegen hat Sabine Hossenfelder in dem Buch "Das hässliche Universum – Warum unsere Suche nach Schönheit die Physik in die Sackgasse führt" (S.Fischer Verlag, 22 Euro) für ein breiteres Publikum verständlich aufgeschrieben. Und damit geht sie vielen Physikern ganz schön auf die Nerven. "Ich sehe mich ein bisschen als der Außenseiter überall", sagt Hossenfelder in hr-iNFO Das Interview. "Das war schon immer so. In der Grundschule war ich das komische Kind, das in der Ecke saß." Und so sei es ihr auch in der Physik gegangen, erzählt die gebürtige Frankfurterin, die zunächst Mathematik studiert hatte.

"I'm a little funny"

Ihr Anderssein lebt Hossenfelder auch auf eine ganz überraschende Weise aus. Sie schreibt Popsongs, die sie selbst singend, tanzend und mit dem Keyboard in YouTube-Videos präsentiert. Oft in schriller Verkleidung oder auch im wissenschaftlichen Schlabberlook zwischen den Bücherregalen einer Unibibliothek wie im Video "I’m a little funny".

Nur die Kamera müssen andere führen, denn es gebe ja "das physikalische Problem, dass ich nicht gleichzeitig vor und hinter der Kamera sein kann", sagt sie. Im Studium hatte Hossenfelder Bilder gemalt und in Galerien verkauft, doch jetzt hat sie zwei Töchter und weiß: "Ölfarben und Kinder – das verträgt sich nicht."

Gibt es einen freien Willen?

Zwischen ihren Musikvideos sind auf ihrem YouTube-Kanal immer wieder Erklär-Videos zu physikalischen Themen zu finden, in englischer Sprache zwar aber für Laien zugänglich. Ihre Wissenschaft zu erklären, das ist bei aller Kritik an manchen Physiker-Kollegen ein wichtiges Anliegen von Hossenfelder. Und in ihrem Blog Backreaction stellt sie sich auch der Debatte. Zum Beispiel mit ihren Überlegungen zum "Freien Willen".

Auch der Mensch bestehe nämlich aus Teilchen, deren Verhalten zum Teil physikalischen Gesetzen und zum Teil dem Zufall folge, sagt Hossenfelder im Interview. Die vermeintlichen "Entscheidungen" des Menschen hätten daher mit "freiem Willen" nichts zu tun. Im Alltag sei es für Menschen aber wichtig, so zu tun, als ob es einen freien Willen gäbe.

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