Robert Habeck

Für die Grünen geht es im Superwahljahr 2021 um viel: Sie wollen zurück in die Regierungsverantwortung - und sie wollen einiges anders machen. Im Interview erklärt der Bundesvorsitzende Robert Habeck, warum er sich eine Politik ohne Predigten und erhobenen Zeigefinger wünscht.

Politik auf Abstand in der Pandemie: Nicht alles daran ist schlecht, meint Robert Habeck. Er erlebe Gespräche oder auch Reden zum Teil als konzentrierter. Und doch ist Politik, wie Robert Habeck sie versteht, Menschen durch Menschen zu überzeugen, keine leichte Aufgabe in Zeiten der Corona-Pandemie, wenn das ganze Leben auf Abstand geführt werden muss und speziell die persönlichen Kontakte wegfallen. Das sei auch für ihn als Politiker eine Belastung, sagt der 51-Jährige: "Mir fehlt ehrlicherweise jetzt der Sinn meines Tuns."

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Als Bundesvorsitzender wolle er Mehrheiten schaffen für die politischen Ideen, die ihm wichtig sind, aber auch mit anderen Ideen entwickeln. Viele kennen das - Kreativität entsteht oft an ungewöhnlichen Orten, nicht zwingend in einer Videokonferenz. Kraft und neue Impulse schöpft der in Flensburg lebende Politiker am Meer, das für ihn eine ständige Horizonterweiterung sei: "Hallig Hoge ist so ein bisschen mein Sehnsuchtsort", sagt er. Aber neue Impulse ergeben sich auch mal beim gemeinsamen Warten irgendwo, "wenn man mit dem Zug unterwegs ist oder an der Kaffeemaschine kurz steht und dann erzählt jemand von den Kindern und aus dem Gespräch heraus ergibt sich eine Idee für die Bildungspolitik", erzählt Habeck. Das alles sei im Moment weg und "deswegen leidet Politik schon darunter."

Immer autoritärer?

Anders als noch im Frühjahr 2020 beobachtet Robert Habeck in der derzeitigen Phase der Corona-Pandemie weniger Einigkeit in Gesellschaft und Politik. Politische Entscheidungsträger*innen würden im Ton immer autoritärer, findet er. Es würden immer neue Maßnahmen verkündet und damit ginge einher, "dass das alles notwendig ist, weil die Menschen, die nicht Entscheider sind, sich einfach nicht an die Maßnahmen halten."  Der promovierte Philosoph und ehemalige Schriftsteller blickt kritisch darauf: "Es ist so ein bisschen 'wir da oben, ihr da unten'".

Diese Politik des erhobenen Zeigefingers sei nicht gut, findet Habeck. Seiner Ansicht nach entsteht so einerseits eine Spaltung zwischen der Politik und den Menschen, wenn doch alle zusammenstehen müssten. Andererseits würden politische Versäumnisse, etwa bei der Organisation der Vergabe von Impfterminen, nicht ausreichend kritisch thematisiert. "Ich will mich ja gar nicht freisprechen davon", sagt der Grünen-Politiker. "Ich bin ja als Bundesvorsitzender einer Partei, die in elf Ländern regiert und drei Gesundheitsministerien stellt, permanent im Austausch mit den Kollegen." Er versuche das nur zu analysieren und begreife es auch als Selbstkritik.

"Nicht bessere Menschen, sondern bessere Politik machen"

Im Grunde wünscht Habeck sich eine bessere Fehlerkultur, sowohl bei der politischen Konkurrenz als auch bei seiner eigenen Partei. Selbstkritische Töne schlägt er auch in seinem Buch "Von hier an anders" an: Politik darf in seinen Augen nicht moralisierend daherkommen – viele werfen den Grünen aber vor, sie würden genau das tun. Nicht ganz zu Unrecht, räumt Habeck ein und fügt hinzu: "Die Politik muss besser werden. Wir müssen nicht die Menschen umerziehen, sondern wir müssen die Politik ändern. Nicht bessere Menschen, sondern bessere Politik machen." Das sei aber ein "Lernschritt", den seine Partei vollzogen habe, spätestens seit der Kontroverse um den Veggie-Day, den die Grünen mal einführen wollten.

Politik ohne Predigten und erhobenen Zeigefinger will Robert Habeck den Menschen anbieten - ob als Kanzlerkandidat für die Grünen oder als der Mann hinter seiner Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock, lässt er offen. Die Partei bereite sich natürlich auf die Bundestagswahl im September vor, sagt Habeck, "aber die Gesellschaft selbst ist ja im Kopf noch gar nicht da und wir wissen ja gar nicht: Streiten wir uns um Ostern wie die Kesselflicker, geht die AfD hoch oder verschwindet sie von der Bildfläche? Oder erleben wir eine neue Renaissance, mit lauter Menschen, die Kultur, Kunst, Wissenschaft, Fortschritt nochmal neu denken und die europäische Einigung als Versprechen sehen und wir erleben Michelangelo 2.0. Das wär' doch auch großartig."

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Buchtipp

"Von hier an anders"
Von Robert Habeck
Kiepenheuer & Witsch
22 Euro

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Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 22.1.2021, 19:35 Uhr

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