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Zum Artikel Jutta Allmendinger – Soziologin

Die Soziologin Jutta Allmendinger

Nicht nur auf Virologinnen und Epidemiologen sollte die Politik in der Corona-Krise hören, sondern auch auf die Sozialwissenschaften. Das fordert zumindest Jutta Allmendinger. Da die Lasten der Krise nicht gerecht verteilt seien, warnt die Soziologin vor einem Vertrauensverlust.

Jutta Allmendinger arbeitet im Homeoffice – so wie die meisten der 150 Forscherinnen und Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin, deren Präsidentin sie ist. Auf eine stabile Internetverbindung kann sich Allmendinger fast immer verlassen, ihren Mitarbeitern vertraut sie zu 100 Prozent. Deutlich geringer ist ihr Vertrauen in die Entscheidungen der Politik und die Ratschläge der Virologen. "Dazu sind die Daten zu vielfältig und zu unsicher", sagt Allmendinger. Denn Vertrauen, das betont sie, habe immer mit Kontrolle zu tun.

Das Thema Vertrauen steht gerade im Fokus der Forschung der Soziologie-Professorin. Das Buch, das sie dazu jetzt mit ihrem Kollegen Jan Wezel geschrieben hat, ist in der Corona-Krise aktueller denn je. Zwar rücken wir gerade alle zusammen und verzichten für die Gesundheit aller auf viele Freiheiten. Doch diese Lasten und auch die Risiken sind nicht gerecht verteilt, mahnt Allmendinger: "Die Kassiererinnen im Supermarkt haben einen erbärmlichen Schutz. Die haben bestenfalls eine Stoffmaske und diese Plexiglaswand hilft auch nur zum Teil."

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Buch-Tipp

Jutta Allmendinger, Jan Wetzel: "Die Vertrauensfrage - Für eine neue Politik des Zusammenhalts", Dudenverlag, 16 Euro.

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Kinder sind besonders betroffen

Besonders betroffen von den Einschränkungen seien Kinder und Jugendliche: "Die können sich nicht mehr mit Freunden treffen, ihre Ausbildung nicht mehr gescheit fertig machen." Ein riesiger "Vertrauensvorschuss an die Älteren" – verbunden mit der Erwartung der Jungen, später "von den Älteren gehört zu werden in Sachen Generationengerechtigkeit und Schutz unseres Planeten".

Vor allem für Kinder aus "bildungsarmen Schichten" könne die Schließung von Kitas und Schulen dazu führen, dass sie gar keine Chance hätten. "Das wird dann in zehn bis zwanzig Jahren sichtbar." Es sei daher eine "hohe und edle Aufgabe von Bund und Ländern, die Bürgerinnen und Bürger aus dieser Krise teilherauszuführen" und dafür zu sorgen, dass "die Gruppen, die besonders gelitten haben unter diesen sehr restriktiven Maßnahmen, sich auch gehört und angesprochen fühlen". Sonst drohe ein dramatischer Vertrauensverlust, warnt Allmendinger. 

Die Politik gut beraten

Wie Medizin oder Wirtschaftswissenschaft müsse auch die Soziologie von der Politik gehört werden, fordert sie. Genau wie alle anderen Wissenschaften habe auch die Sozialwissenschaft "kein Wahr oder Falsch zu verkünden" und sei auch keine demokratisch legitimierte Macht. "Aber wir können Regierungen und Parlamente beraten und aufgrund falsifizierbarer Daten auch gut beraten."

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 26.04.2020, 10.05 Uhr

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