Mazda Adli

Konflikte am Arbeitsplatz oder mit dem Partner, zudem noch die Belastung durch Klimawandel, Pandemie und Ukrainekrieg: Die emotionalen Ressourcen des Körpers sind bei vielen Menschen nahezu aufgebraucht. Doch Stress ist ganz natürlich, sagt Psychiater Mazda Adli. Im Interview spricht er darüber, was man tun kann, wenn es doch zu viel wird und warum Städte psychisch krank machen.

Mazda Adli taucht gerne. In der Schwerelosigkeit des Wassers kann er sich voll und ganz dem Hier und Jetzt hingeben und vergisst den Alltag. Denn einer Aktivität - wie zum Bespiel dem Tauchen - nachzugehen, entspannt ungemein, sagt er. Der Körper wird bewusst wahrgenommen und man ist ganz konzentriert auf eine Sache.

Das erinnert ein wenig an den Hype um Achtsamkeit, mit dem im Moment viel geworben wird. Überall poppen Kurse, Podcast und Tools auf, mit denen sich Gestresste entspannen sollen. Dabei sei das eigentlich ganz einfach, wie das Beispiel mit dem Tauchen zeigt, so Adli: Die volle Konzentration auf eine ganz bestimmte Wahrnehmung legen, um so alle Tagesgrübeleien auszuschalten.

Singen als Therapie

Und das versucht Adli nicht nur im Urlaub am Meer, sondern auch in seinen Alltag zu integrieren. Um das zu realisieren, hat er eine ungewöhnliche Idee in die Tat umgesetzt: Vor 20 Jahren gründete der Psychiater, der eine Professur an der Charité in Berlin inne hat und dort als Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet, die Singing Shrinks – die singenden Seelenklempner sozusagen. Shrinks ist ein umgangssprachlicher Begriff aus dem Amerikanischen für Psychiater.

Audiobeitrag

Podcast

Stressforscher Mazda Adli: Singen, Musik und Kultur sollte es auf Rezept geben

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Einmal in der Woche trifft sich der weltweit einzige Chor aus Psychiatern, Psychologen und Neurologen und schmettert gemeinsam Hits. Aus vollem Hals. Und das tut der Seele gut, sagt Adli. „Das ist ein essenzieller Weg für mich, Stress abzubauen.“ Und das ist auch medizinisch nachvollziehbar, denn Singende fangen bei der Aktivität an, tiefer und regelmäßiger zu atmen. Muskeln, besonders im Gesicht, entspannen sich und dadurch werden Emotionen beeinflusst, sie werden positiver. Dazu kommt noch die Erfahrung des gemeinsamen Singens: „Nach der Chorprobe geht es uns um viele, viele Prozentpunkte besser als davor“, stellt Adli fest.

Wie entsteht Stress eigentlich?

„Stress ist die Antwort des Körpers und der Psyche auf eine Anforderung, die wir vor uns haben“. Diese Aussage ist weder negativ noch positiv, merkt der Psychiater an. Vor anderen Leuten Singen oder eine knifflige Quizaufgabe lösen, das sind allesamt Situationen, in denen der Mensch Stress empfindet. Körperliche Auswirkungen sind, dass die Herzfrequenz zunimmt, man tiefer atmet und sich die Schultermuskulatur anspannt. Ein archaisches Überbleibsel von Stress ist übrigens unter anderem, dass sich das Blut verdickt. Das soll im Zweikampf davor schützen, dass der Mensch nicht verblutet, wenn er sich verletzt. Kurz gesagt: „Stress gehört zu unserem gesunden Leben dazu“.

Problematisch wird es erst, wenn der Stress chronisch wird, wenn also die Stressreaktion nicht mehr abgeschaltet werden kann. „Es sind ganz oft zwischenmenschliche Situationen, wie Konflikte am Arbeitsplatz oder mit dem Partner, die dazu führen.“ Aus diesen stressigen Umständen können im schlimmsten Fall Krankheiten entstehen. Dann kann es auch sein, dass wir unsere Erholungsfähigkeit verlieren, und dann helfe uns auch kein Urlaub mehr, weil wir schlussendlich dort auch nicht mehr loslassen können, gibt der Experte zu bedenken.

Stadt bedeutet Stress

Adli hat das interdisziplinäre Forum Neurourbanistik mitbegründet und zusammen mit Architekten und Stadtplanern herausgefunden, dass uns Großstädte besonders stressen können. Er hat dazu 2017 das Buch mit dem Titel „Stress and the City: Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind“ veröffentlicht. Aber wieso genau macht Stadt krank? Es gibt Hinweise darauf, dass je länger man in einer großen Stadt wohnt, desto größer die Wahrscheinlichkeit ist, an einer psychischen Erkrankung wie Schizophrenie oder Depression zu erkranken.

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Buchtipp

Stress and the City: Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind  
C. Bertelsmann Verlag

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„In einer dichtbesiedelten Stadt werden die biologischen Stressantennen sensibler. Das ist hilfreich, um sich in der Betriebsamkeit zurecht zu finden, aber gleichzeitig können diese zu Eingangspforten für psychische Erkrankungen werden,“ betont Adli. Besonders dann, wenn es genetische Dispositionen gibt oder die Person sozial benachteiligt wird. Letzteres ist besonders schwierig, wenn es um die Integration beziehungsweise Aufnahme von Flüchtenden geht. Denn, so der Stressforscher, die Flucht ist nicht zwangsläufig das Traumatische für einen Menschen, sondern vielmehr die Ankunft. Wird eine Person ausgegrenzt oder ignoriert, kann dies zu vermehrtem Stress führen. Er selbst habe das in seiner Schulzeit auch gespürt.

Zitat
„Wir sind soziale Wesen und brauchen den Verbund mit anderen Wesen. Und wenn es das nicht gibt, dann entsteht Einsamkeit und Isolationsstress.“
Zitat Ende

Aber es gibt auch noch eine zweite Form von sozialem Stress. Wenn es keinen Rückzugsraum mehr gibt, also wenn es zu eng wird, kann dies ebenfalls problematisch werden.

Die Stadt bietet aber auch Entspannung

Aber „Die Stadt“ ist nicht nur schlecht. Der gebürtige Kölner mit iranischen Eltern ist am Rhein aufgewachsen, hat aber auch in Teheran gelebt und das Leben in beiden Metropolen geschätzt. Es gibt meist bessere Zugänge zu Bildung und Gesundheitswesen und kulturellem Angebot, merkt er an. Besonders Letzteres empfindet Adli als besonders wichtig für eine gute Psyche. Er würde sogar so weit gehen zu fordern, dass das kulturelle Angebot von den Krankenkassen gefördert werden sollte. „Musik, Kunst und Co., Kultureinrichtungen wirken dem Stress der Stadt entgegen. Wir treten vor die eigene Haustür und haben soziale Kontakte“, ist der Psychiater überzeugt. Kurzum: „Jedes Theater hat einen Public Health Auftrag.“

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Drei Stressmythen und drei Antworten

1. Es gibt positiven Stress. „Stimmt!“
2. Stress macht graue Haare. „Nein, das sind eher die Gene. Aber chronischer Stress beschleunigt das biologische Altern. In den Zellen kann man nachweisen, dass die Alterungsprozesse schneller ablaufen.“
3. Wir alle sind immer gestresster. „Ja - Pandemie, Krieg und Klimawandel, das belastet. Wir stellen fest, dass die Inanspruchnahme von psychologischer Hilfe zunimmt und die Patienten und Patientinnen immer jünger werden.

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