Susan Neiman, Philosophin

Wie bewältigt eine Gesellschaft das Böse in der eigenen Geschichte? Mit dieser Frage beschäftigt sich die aus den USA stammende Philosophin Susan Neiman und empfiehlt ihrem Geburtsland, von den Deutschen zu lernen. Nach dem Tod von George Floyd hat sie die Hoffnung, dass immer mehr Amerikaner das Erbe von Rassismus und Sklaverei überwinden wollen.

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Als Susan Neiman 1955 in Atlanta (Georgia) zur Welt kam, gehörte die strikte Trennung von Schwarz und Weiß noch zum Alltag in den Südstaaten der USA. Ihre Mutter war Bürgerrechtlerin und wollte ihre weiße Tochter auch mit schwarzen Kindern spielen lassen, dafür wurden sie von Rassisten bedroht. Erfahrungen, die Susan Neiman geprägt haben.

Später studierte sie Philosophie in Harvard und ging 1982 mit einem Stipendium nach Berlin. Keine Selbstverständlichkeit für die Tochter einer jüdischen Familie. "Heute ist Berlin trendy für Juden und Israelis",  sagt sie lachend. "Damals war das eine andere Stadt." Und doch war Susan Neiman beeindruckt von den vielen Initiativen aus der Zivilgesellschaft, sich mit der Nazi-Geschichte Deutschlands auseinanderzusetzen. "Vergangenheitsaufarbeitung" war eine der ersten deutschen Vokabeln, die Neiman lernte. Ein Thema, mit dem sich die Philosophin – seit dem Jahr 2000 Direktorin des Einsteinforums in Potsdam - bis heute beschäftigt.

 "Ein Toter zu viel"

"Von den Deutschen lernen" – so heißt das gerade erschienene Buch von Susan Neiman. Darin empfiehlt sie den Amerikanern, in Sachen Erinnerungskultur Deutschland zum Vorbild zu nehmen. "Ein Denkmal für die Sklaverei  oder ein Mahnmal zur Erinnerung an den Mord an Native Americans" – das alles könnte und sollte es in den USA geben. Erst langsam fingen einzelne Initiativen an, die Zeugnisse der Sklaverei oder der Lynchmorde an Schwarzen aufzuspüren. Einige davon stellt Neiman in ihrem Buch vor.

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Buchtipp

Susan Neiman, "Von den Deutschen lernen - Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können"
Hanser Berlin, 28,00 Euro

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Den gewaltsamen Tod von George Floyd hatte Susan Neiman zunächst als einen weiteren Fall gesehen "in einer  Reihe von Morden an Schwarzen, die sich immer wiederholen". Umso erfreuter ist sie über die breiten Proteste gegen Rassismus, an denen sich mehr Weiße als Schwarze und sogar viele Konservative beteiligten. "Es war ein Toter zu viel", sagt sie. Außerdem spiele die Wut darüber eine Rolle, dass viel mehr Schwarze als Weiße an Corona erkrankten. "Die schreckliche Corona-Pandemie könnte vielleicht etwas Gutes haben", hofft sie. Denn die Erfahrung, dass "alles ganz anders wird, als wir es uns vorstellen konnten" führe dazu, dass "Menschen neue Möglichkeiten sehen, wirklich gründlich aufzuräumen mit Ungerechtigkeiten".

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 12.6.2020, 19.35 Uhr

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