Yanis Varoufakis
Yanis Varoufakis will ins EU-Parlament Bild © picture-alliance/dpa

Yanis Varoufakis war während der griechischen Schuldenkrise als damaliger Finanzminister das Enfant terrible Europas. Nach seinem Rücktritt war es still geworden um den 58-Jährigen. Jetzt versucht er ein politisches Comeback und tritt bei der Europawahl für ein neues, linkes Bündnis an - und zwar in Deutschland.

Yanis Varoufakis ist auf Wahlkampftour in Deutschland. Dort und nicht in seiner Heimat Griechenland kandidiert er als Spitzenkandidat für "Demokratie in Europa", den deutschen Ableger von DIEM25. Als ich ihn in Berlin für "Das Interview" treffe und ihn frage, warum er ausgerechnet in Deutschland kandidiere, sagt er: "Jede Veränderung in Europa muss in Deutschland beginnen. Deutschland ist das Herz Europas. Ob einem das nun gefällt oder nicht." Natürlich ist auch die Symbolik wichtig, dass Kandidaten außerhalb ihrer Heimatländer antreten, das unterstreicht die Botschaft von DIEM25 und die lautet: "Eine Krise in Europa, eine Lösung, eine transnationale Bewegung."

Die Kandidatur ist zudem eine ungewöhnliche Methode, um Aufmerksamkeit zu erregen. Damit kennt sich Varoufakis aus: Während seines Studiums in Großbritannien war er Sprecher der Schwarzen Studentengruppe und erinnert sich freudig daran, wie viel Aufmerksamkeit das brachte. Und wie er dann immer sagte: Schwarz ist keine Farbe, sondern ein Bewusstseinszustand. Diese Erfahrung habe sein Leben verändert, sagt Varoufakis. Er habe angefangen, anders zu denken. Er habe zum Beispiel begriffen, dass die Griechen die Schwarzen Europas waren.

Deutschland bügelt alles ab

Mit seiner neuen linken Bewegung verspricht der Wirtschaftswissenschaftler einen europäischen Frühling. Auf die Frage, warum Europa den "Green New Deal" - also das grüne Investitionsprogramm seiner Partei - überhaupt braucht, erklärt er: "Europa steckt seit zehn Jahren in einer existenziellen Krise, weil es die gigantischen Schockwellen der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 noch nicht verdaut hat - nicht finanziell, nicht wirtschaftlich und auch nicht sozial und ethisch." Varoufakis vergleicht mit der Situation nach 1929, dem Crash an der Wall Street, der Weltwirtschaftskrise und dann der Hölle der Nazizeit.

Und wie stellt sich die aktuelle Politikergarde den Herausforderungen? "Sehen wir der Wahrheit ins Auge, die haben aufgegeben", urteilt Varoufakis hart. Der französische Präsident Emmanuel Macron, der mal der große Hoffnungsträger war, sei am Ende. Jede seiner Ideen sei von Deutschland abgebügelt worden, und zwar nicht nur von Kanzlerin Angela Merkel, sondern auch von den Sozialdemokraten und den Grünen. Um Europa wieder nach vorne zu bringen, brauche es vor allem Investitionen in Klimaschutz und gute Jobs, so Varoufakis. Der "Green New Deal" soll dafür jedes Jahr 500 Milliarden Euro bereitstellen.

Ein neues Gemeinschaftsgefühl herstellen

Die Idee: Die Europäische Investitionsbank soll Anleihen in dieser Höhe ausgeben, private Anleger sollen zugreifen und falls nicht, würde die Europäische Zentralbank die Anleihen aufkaufen. Das sei idealistisch, ja, sagt Varoufakis, aber auch praktisch genug, um morgen damit anzufangen. Außerdem würde er 100 Milliarden Euro pro Jahr gegen Armut ausgeben. Er ist sich sicher: "Wenn bedürftige Familien in Ostdeutschland, in Griechenland, Italien, Frankreich jeden Monat einen Scheck bekommen, unterschrieben vom Präsidenten der Europäischen Zentralbank, dann sorgt das für ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl. Das würde ihnen sofort ganz praktisch den Wert der Europäischen Union zeigen, dass sie nicht nur für die Kartelle und die Banken da ist, sondern für alle."

Wie viel Berlin und wie viel Europa steckt eigentlich in Varoufakis, will ich im Interview wissen, und es wird klar: Der 58-Jährige ist nicht oft in Berlin, auch wenn er jetzt einen Wohnsitz hier hat. Berliner Institutionen wie den "Späti", die allgegenwärtigen Kioske, die praktisch rund um die Uhr aufhaben, kennt er nicht. Und bei den Fragen nach Europa kommt heraus: Er spricht zwei europäische Sprachen, kann die diesjährigen europäischen Kulturhauptstädte nicht nennen und will auf keinen Fall die Europa-Hymne singen - Begründung: furchtbare Singstimme: "Ich bin ein Humanist, ich will niemandem meine furchtbare Stimme zumuten. Aber ich könnte sie auf dem Klavier spielen."

Wahlkampf ist wie Müll rausbringen

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„Ich habe nie jemanden in den Wahnsinn getrieben, auch nicht Wolfgang Schäuble.“ Zitat von Yanis Varoufakis
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Das Wahlkampf-Leben als Spitzenkandidat findet Varoufakis "furchtbar",  aber irgendjemand müsse es ja machen, "das ist wie beim Müll rausbringen". Parteipolitik sei ihm jedenfalls verhasst, gibt er zu. Und: "Es ist mir total  peinlich, Menschen darum zu bitten, mich zu wählen.“ Was bei Wahlkampfveranstaltungen auffällt: Der Mann, der gerne als arrogant und One-Man-Show kritisiert wird, lässt seinen Mitkandidaten ziemlich viel Raum, spielt sich nicht in den Vordergrund: "Die Kluft zwischen dem, wie ich bin, und dem, wie ich wahrgenommen werde, ist enorm, das sorgt für großen Unmut auch bei meiner Frau und meinen Kindern." Diesen Unmut merkt man ihm auch an bei meiner Frage an, ob er denn im EU-Parlament mit anderen Parteien zusammenarbeiten oder der Außenseiter sein würde, der alle in den Wahnsinn treibt. Alles Propaganda, schimpft er: "Ich habe nie jemanden in den Wahnsinn getrieben, auch nicht Wolfgang Schäuble."

Varoufakis sieht sich als Teamplayer und bringt dieses Beispiel: "Wenn ein Offizier auf einem Schiff laut vor den Felsen warnt, auf die das Schiff zuläuft, dann ist dieser Offizier doch kein Störenfried, sondern tut seine Pflicht." Und die Pflicht als Abgeordneter im EU-Parlament würde für ihn heißen: Europa stärken und unsere Zivilisation retten vor dem "rechten Monster", wie er es nennt. Als Abgeordneter wolle er sich den Euroskeptikern, Rassisten und Fremdenhassern entgegenstellen. Allerdings nur für kurze Zeit, ein paar Wochen, ein paar Monate. Denn wenn in Griechenland der Parlaments-Wahlkampf beginnt, will er sein Mandat niederlegen und in seinem Heimatland aktiv werden. Dass ihm die Wähler das übelnehmen würden, glaubt er nicht: "Die mögen keine Politiker, die an ihren Posten kleben." Und es gebe ja genug andere gute Leute in seiner Bewegung, die dann übernehmen und weiter für die Interessen der Menschen in Europa kämpfen würden.

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Sendung: hr-iNFO, 17.04.2019, 19.30 Uhr

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