Tatort: Im Schmerz geboren

Ob mit Hirntumor oder Stöckelschuhen, mit Klassiker-Audi oder Fahrrad: Hessens Tatort-Kommissare jagen die Schurken quer durchs Bundesland. Der Tatort ist seit 50 Jahren Kult und sorgt immer für Gesprächsstoff – im Positiven wie im Negativen.

Von Anfang an wimmelt es nur so von Toten in dem wohl blutigsten Tatort überhaupt. 53 Leichen haben die Fans in der Folge "Im Schmerz geboren" mit Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot gezählt. Wobei eine Szene, nämlich die vor dem Wiesbadener Kurhaus, ein regelrechtes Massaker war, erinnert sich Jörg Himstedt, der Leiter der Abteilung Fernsehspiel und Spielfilm beim Hessischen Rundfunk. "Das war eine gigantische Choreografie, mit Komparsen, mit echten SEK-Leuten, mit Schauspielern mit Special Effects. Das war schon ziemlich irre."

Normalerweise darf so viel Brutalität wegen der Jugendfreigabe FSK 12 nicht um 20.15 Uhr gezeigt werden. Die Drehbuchautoren und der Regisseur haben das aber mit einem Trick umgangen: Durch Zeitlupeneinstellungen, unterlegter klassischer Musik und besonderen Farbeffekten wird diese Szene so überhöht, dass sie zum Teil eher wie ein bewegtes Gemälde wirkt. Bei den Zuschauern kam das gut an, die meisten lobten diese künstlerische Form und waren begeistert über die filmischen Anspielungen, zum Beispiel auf Quentin Taratino oder auch über den Umgang mit klassischer Kunst und Musik.

Des einen Freud ist des anderen Leid

Der Tatort "Wer bin ich?", ebenfalls mit Ulrich Tukur als Kommissar, kam dagegen beim Publikum weniger gut an. Diese Folge war quasi ein Film im Film, bei dem die Schauspieler nicht nur ihre Rollen in der Krimihandlung einnahmen, sondern auch sich selbst beim Filmdreh spielten. Und die Reaktionen waren zum Teil heftig, erinnert sich Himstedt. "Da waren die Leute so erbost über diesen Film, dass ich quasi im Minutentakt entlassen wurde."

Das Drehteam selbst hatte bei dieser Folge aber besonders viel Spaß, die Mitarbeiter übertrafen sich mit Einfällen zu Ticks, die sie den Figuren verpassten. Und besonders lustig fand das Team die mittlerweile legendäre Szene in der hr-Kantine. "Da sitzt Justus von Dohnányi, der den Regisseur des fiktiven Films spielt, bei einer Drehbesprechung am Tisch und hat die ganze Zeit gegessen, hat das Biergulasch mit Inbrunst in sich hineingeschaufelt. Und da kam es zu regelrechten Lach-Flashs beim Filmteam." Kleiner fun fact am Rande: Dieses Biergulasch gibt es seit diesem Tatort-Dreh tatsächlich regelmäßig im Angebot der hr-Kantine.

Nicht alles ist immer spannend

Klar, nicht alle Hessen-Tatorte sind spannend. Jede Folge hat ihre Fans und auch Kritiker. Die Meinungen, welcher Tatort der langweiligste ist, gehen zum Beispiel weit auseinander. Manche Zuschauer fanden die Folge "Die Guten und die Bösen" unspannend, weil sich der Täter als solcher schon in den ersten 15 Minuten zu erkennen gibt. Für Fachmann Himstedt gibt es aber andere Kriterien.

Er selbst tat sich immer schwer mit der Kommissar-Figur Edgar Brinkmann, die Karl-Heinz von Hassel von 1985 bis 2001 verkörpert hat. "Mit dem konnte ich tatsächlich nichts anfangen. Ich fand selbst die Dreharbeiten wahnsinnig langweilig", gesteht Himstedt. "Es war wahnsinnig statisch und es passierte nicht viel. Ich fand‘ die unheimlich dröge."

Voller körperlicher Einsatz

Kamerafahrt im Tatort "Falscher Hase" in Minute 45: Einer der Tatbeteiligten, gespielt von Friedrich Mücke, ist längere Zeit erst von hinten im Bild, dann auch in Großaufnahme von vorne – vollkommen nackt. Sein Gemächt ist deutlich zu sehen. Gerade weil sonst oft nur Frauen in Schlafzimmerszenen nackt sind, ist das eine bewusst freche Szene der Regisseurin Emily Atef, meint der hr-Spielfilmchef: "Also erstmal ist es so, dass eine Frau Regie geführt hat, die das ganz lustig fand, genau dieses Klischee zu drehen, und der Schauspieler hatte damit überhaupt kein Problem."

Aber Schauspieler bringen manchmal auch noch ganz anderen körperlichen Einsatz. Laut Drehplan zum Tatort "Weil sie böse sind" musste an einem bestimmten Tag eine Szene am Frankfurter Osthafen gedreht werden. Allerdings hatte es davor zwei Stunden lang wie aus Kübeln geregnet, so dass alles komplett unter Wasser stand. Die Schlägerei, die dort inszeniert werden sollte, konnte unter diesen Bedingungen nicht gefilmt werden. "Da haben wir dann wirklich mit dem gesamten Team inklusive aller Schauspieler diesen Drehort trockengelegt. Indem wir mit Eimern und Lappen und allem möglichem anderen den Zustand von 'nicht zu nass' wiederhergestellt haben", erinnert sich Himstedt.

Auf weitere 50 Jahre

50 Jahre Hessentatort. In dieser Zeit haben zwölf verschiedene Kommissare in 89 Folgen Verbrecher in Hessen gejagt und überführt. Mal spektakulär, mal explosiv, mal humorvoll, mal provokant. Genau so kann es gerne weitergehen.

Sendung: hr-iNFO Aktuelle, 27.11.2020, 6-9 Uhr

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